8 Fragen an Jan Peters - Regisseur von "30 Jahre, aber den Sinn des Lebens habe ich immer noch nicht rausgefunden"

Der Kasseler Film-Professor Jan Peters hält in seinem autobiographischen Langzeitprojekt "30 Jahre, aber den Sinn des Lebens habe ich immer noch nicht rausgefunden" seit seinem 24. Geburtstag jedes Jahr ein paar Minuten seines Lebens mit seine Super-8-Kamera fest.


"30 Jahre, aber den Sinn des Lebens habe ich immer noch nicht rausgefunden"  läuft als Wettbewerbsfilm in der Sektion Regionaler Langfilm.


1. Wohnort: Neukölln und teils in Kassel (während der vorlesungsvollen Zeit)

2. Was hat Sie dazu bewogen, ein Selbst-Porträt über Kindheit, Liebe und das ‚angekommen sein‘ als Vater zu drehen?

Dieses Selbst-Portrait besteht ja aus insgesamt 30 Rollen Super-8-Film von jeweils drei Minuten Länge und ich hatte es eigentlich völlig ungeplant begonnen. Die erste Rolle habe ich 1990 gedreht. Da war ich noch Student und wollte eigentlich nur eine Super-8-Kamera ausprobieren, an der das Ungewöhnliche war, dass sie Ton direkt auf nehmen konnte. Denn aus Angst vor dem neuen VHS Format hatten die Super-8-Hersteller irgendwann in den 70ern oder 80ern mal kurz gedacht, sie müssten nun auch was mit direkter Tonaufnahme anbieten. Daraufhin brachten sie Super-8 Filme auf den Markt mit fest aufgeklebten Magnettonspuren in sehr schlechter Qualität. Ich wollte ausprobieren was man damit machen kann und habe mich vor die Kamera gestellt. Ich habe drei Minuten auf die Kamera eingelabert, bis das Ende der Rolle mir mitten im Satz das Wort abgeschnitten hat. Damals musste man die Super-8-Filme zum Entwickeln noch bei Kodak in Stuttgart einschicken (das war im Kaufpreis inbegriffen). Als vierzehn Tage später dann der entwickelte Film zurückkam und ich ihn mir angesehen habe, war das wie beim ersten Hören der eigenen Stimme auf Tonband als Kind: Ich war ganz entsetzt als ich mich zum ersten Mal sprechend selbst auf Film gesehen habe. Deshalb habe ich den Film in die hinterste Ecke meiner Schublade geschmissen und wollte ihn mir nie wieder ansehen. Weil ich damals als Student schon einen sehr lichtstarken Super-8-Projektor hatte, kamen immer mal wieder Studienkolleg*innen zu mir und wir haben gemeinsam ihre Filme angesehen. An einem dieser Abende habe ich mich dann wohl dank des lockernden Einflusses von Alkohol getraut meine Filmrolle mit Ton zu zeigen – und die Anderen fanden sie überraschender Weise richtig lustig! Kurzdarauf brauchte ich für ein anderes Projekt dringend neues unbelichtetes Super-8-Material und in meinem Studium an der Kunsthochschule in Hamburg war es so, dass man im Plenum zeigte, was man gedreht hatte und daraufhin bekam man wieder neue Rollen. Auf dem Weg zur Schule überlegte ich mir, dass ich den Film „Ich bin 24“ nenne, als Anspielung auf die Bücher aus der RoRoRotfuchs Serie, die ich in meiner Jugend gelesen hatte, die „Ich bin 13“ oder „Ich bin 14“ hießen. In der Abspielstelle an der Kunsthochschule sagte ich dann also den Titel „Ich bin 24“ an und startete die Projektion... Alle meine vorherigen Experimentalfilme wollte niemand sehen, aber ICH BIN 24 lief plötzlich sogar auf ein paar Filmfestivals und für mich fühlte sich das schon an wie ein echter Erfolg, wenn gleich ich meinte, eigentlich weiter „richtige“ Experimentalfilme machen zu müssen. Ein Jahr später fuhr ich nach einer Ausstellungseröffnung zufällig mit meinem Professor im selben Bus zurück nach Altona. Und der fragte mich dann, wann er denn „Ich bin 25“ sehen könne. Und als ich ausgestiegen war, wurde mir plötzlich klar, dass ich ab sofort einmal pro Jahr eine Rolle Super-8 drehen muss, auf der ich über mein Leben labere, bis das Ende der Rolle mir plötzlich mitten im Satz das Wort abschneidet – und das habe ich seitdem gemacht. Dass dabei dann auch die Themen Kindheit, Liebe und das ‚angekommen sein‘ als Vater vorkommen, hat sich einfach so ergeben – aus meinem Leben heraus, könnte man vielleicht sagen, oder aus meiner Art darüber zu sprechen oder nachzudenken. Wobei die drei genannten Themen natürlich nicht die einzigen sind und aus meiner Sicht auch überhaupt nicht die zentralen... aber vielleicht habe ich auch nicht genug Distanz, um das abschließend zu beurteilen. Und „abschließend“ ist bei dem Projekt ohnehin schwierig, denn die 30 Rollen, sind ja nur ein Zwischenstand, den ich weil es eine runde Zahl ist, jetzt veröffentliche. Aber ich werde natürlich so lange ich kann noch weiter ICH BIN...-Filme drehen.

3. Das Schwerpunktthema beim 13. LICHTER Filmfest lautet „Macht“. Ihre erste Handlung, wenn Sie die Macht erlangen würden, wäre...? 

Als König die eigene Enthauptung betreiben. Obwohl mir da doch ein wenig mulmig in der Gurgel wird, wenn ich das so sage. Deshalb vielleicht weniger flappsig: Hierarchien auflösen, Macht entmachten. Denn das ist ein lang gehegter und nie aufgegebener Traum von mir, dass wir in einer Gesellschaft leben könnten, die Machtstrukturen gar nicht nötig hat, weil alle selbstverantwortlich, solidarisch und respektvoll mitdenken, um nicht nur für sich selbst sondern für die gesamte Menschheit die bestmöglichen Lebensbedingungen auf diesem Planeten (mit dem dann natürlich auch entsprechend respektvoll und nachhaltig umgegangen werden wird!) zu verwirklichen.

4. Welche Bedeutung hat die Kinoleinwand für Sie?

An der Kinoleinwand mit ihrem weitgehenden Ausschluss der Außenwelt und der sie umgebenden Dunkelheit interessieren mich vor allem die Ränder: Was ist neben dem Bild auf der Leinwand zu sehen, was wird nicht gezeigt, ausgeschlossen und verborgen und warum? Mit welcher Intention und zu welchem Zweck? Das sind für mich in der Regel wichtige Fragen beim Betrachten (und Machen) von Filmen. Und die lassen sich angesichts einer großen Leinwand im dunklen Kino sehr gut stellen (zumindest so lange der Ton nicht zu laut aufgedreht ist).  Wahrscheinlich habe ich aus diesem Grund in verschiedenen Projekten auch immer wieder versucht, die Grenzen der Leinwand zu durchbrechen und auf die eine oder andere Weise Expanded Cinema zu machen.

5. In wem sehen Sie die Zukunft des deutschen Films? 

Zukünfte sehe ich in den jungen Menschen, die heute Kunst oder Film studieren oder auch nicht studieren und trotzdem machen. Und ich sehe sie bei Menschen, die sich gegen Nationalismen und Ausgrenzung und für Respekt, Solidarität und soziale Gerechtigkeit einsetzen (sowohl in den Inhalten ihrer Werke als auch in der Form und in den Produktionsbedingungen).

6. Mein größter Erfolg war ...

7. Wenn ich nicht beim Film gelandet wäre, würde ich wahrscheinlich ...

... genauso wie jetzt: versuchen über Live, the Universe and Everything nachzudenken, Antworten zu finden und meinen Teil zur Verbesserung der Welt beizutragen (gerne als Physiker, Philosoph oder Phantastiker). Wobei vielleicht noch zu bedenken wäre, dass ich auch beim Film nicht wirklich auf der Landebahn aufgesetzt habe, sondern eher auf einer staubigen Piste im Kunstfilm-Dschungel am Experimentalfilmbecken (wenigstens nicht irgendwo in der Wüste...).

8. Meine liebste Filmszene aller Zeiten ist ...

... noch nicht gedreht oder wenn doch, dann habe ich sie noch nicht gesehen. Und das ist vielleicht mein Glück, denn sonst würde ich wahrscheinlich doch noch meinen, anfangen zu müssen Physik, Philosophie oder Phantasterei zu studieren.

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