18.04. ‐ 23.04.2023

DIE LIEBE IM FILM, DIE LIEBE ZUM KINO

SEIT DER ERFINDUNG DES KINOS VOR ÜBER 100 JAHREN IST DIE LIEBE EINES SEINER ZENTRALEN MOTIVE.

Denkt man an die Liebe im Film, denkt man gemeinhin an den Liebesfilm. Sein klassischer Gegenstand ist die Liebe zwischen zwei Menschen. Zumeist erfüllt sich ihre Liebe, es kommt im Film zum sogenannten Happy End. Seltener bleibt ihre Liebe unerfüllt, der Film gerät zum Melodram. Was auffällt: Der klassische Liebesfilm erzählt vom Sich-Verlieben und Verliebt-Sein und endet an der Stelle, an der so etwas wie Liebe überhaupt erst beginnen kann. „Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt“, notierte der Frankfurter Psychoanalytiker Erich Fromm, „sie ist etwas, das man in sich entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt.“ Einer der bekanntesten Regisseure, die ihre Filme erst dort beginnen lassen, wo das Leben fragt: „Kommst Du mit in den Alltag?“, ist Ingmar Bergman. In Filmen wie Szenen einer Ehe (1973) zeigt er, wie sich Liebespaare in Beziehungen um sich bemühen und mit sich abmühen, um sich kämpfen und sich bekämpfen, die Widrigkeiten des Alltags meistern und daran scheitern. Nach seinen experimentellen Anfängen brauchte es jedoch einige Jahrzehnte, bis das Kino für alle sichtbar die Grenzen des klassischen Liebesfilms überschreitet, mit ihnen spielt oder aber sie gänzlich sprengt.

Am Anfang der Filmgeschichte steht William Heises The Kiss. Bereits 1896 zeigt dieser in einer einzigen Kameraeinstellung, wie eine Frau und ein Mann sich innig umarmen und dabei küssen. Was damals zum Skandal geriet, gilt heute als der berühmteste US-amerikanische Film des 19. Jahrhunderts. In den folgenden Jahrzehnten produzierte vor allem Hollywoods Studiosystem unzählige Liebesgeschichten für die Kinoleinwände. Dabei ging es zumeist weniger um die Erzählmuster von romantischer oder tragischer Liebe, die als eingeschliffene ohnehin austauschbar waren. Sie dienten vor allem der Überhöhung berühmter Leinwandpaare.

Ab den 1960er Jahren wurde im großen Stil immer öfter mit Kitsch und Klischee gebrochen, vor allem im europäischen Kino. Es ging nicht mehr allein um die Beziehung zwischen zwei Menschen, Liebe wurde wie in Jules et Jim (1962) fortan auch als Dreierkonstellation erzählt. Zudem bewegten sich filmisch erzählte Beziehungen nun auch jenseits der heteronormativen Mann-Frau-Konstellation: Nachdem bereits 1958 Romy Schneider in Mädchen in Uniform eine Internatsschülerin verkörperte, die Gefühle für ihre Lehrerin entwickelt, spielt The Boys in the Band (1970) erstmals fast ausschließlich unter Homosexuellen und avancierte zum Kultfilm der amerikanischen Schwulenszene. Ferner wird mit L‘ultimo tango a Parigi (1972) die Sexualität eines Liebespaares explizit auch in ihrer Grenzüberschreitung gezeigt oder in Harald and Maude (1971) die Liebe als generationsübergreifende Verbindung aufgegriffen. Rainer Werner Fassbinder konfrontiert in Angst essen Seele auf (1974) die Liebe einer Frau zu einem sehr viel jüngeren ausländischen Mann schließlich mit den Konflikten, die aufgrund einer latent rassistischen Gesellschaft entstehen.

Wenngleich sich der klassische Liebesfilm in seiner Wiederholung immer gleicher Muster bis heute erhalten hat, es offenkundig ein sozialpsychologisches Bedürfnis nach Kitsch und Komplexitätsreduktion gibt, ist die Filmkunst der Liebe in immer vielschichtigere Zusammenhänge und Formen gefolgt. So skizziert Spike Jonze mit seinem Science-Fiction-Filmdrama Her (2013) die verhängnisvollen Projektionsmechanismen der Liebe in Anbetracht des Fortschritts künstlicher Intelligenz. Filme spüren der Liebe in all ihren Sphären und Abseitigkeiten nach: Als Thriller, der eine toxische Liebe entwickelt, als Science-Fiction-Abenteuer, bei dem die Liebe zwischen Mutter und Tochter die Gefüge der Universen durcheinanderbringt oder als Dokumentarfilm, der von spirituell-erotischer Liebe zu den Bäumen erzählt.

Neben der Liebe im Film darf die leidenschaftliche Liebe zu ihm nicht vergessen werden: die Liebe zum Kino. Das, was als Cinephilie einst eine Lebenswelt um den Kinosaal herum schuf – bei der das Leben zwischen den Kinobesuchen zur reinen Zwischenzeit gerann, die vermisste, ersehnte und das Gesehene schreibend verarbeitete – drang zunehmend in den Projektionsraum selbst vor. Die den Film abgöttisch Liebenden tauschten ihre zuvor gegründeten Filmzeitschriften mit dem Regiestuhl ein, produzierten in den 1960er Jahren fortan ihre eigenen Filme: leidenschaftlich, euphorisch, verrückt. Im Fortgang ergriff die Liebe zum Kino auch die Universitäten.

Die Kultur- und Medienwissenschaften nahmen sich dem Film umfassend an, dachten, diskutierten und schrieben über den Film, wie es die Cinephilen ohnehin schon taten: als ernstzunehmende Kunstform. Mit der durch die technischen Umwälzungen einhergehenden Auflösung des Kino-Dispositivs entgleitet der Film dem Kino zunehmend, zerstreut sich in alle digitalen Richtungen und mit ihnen auch die Cinephilie. Manchen ist es möglich, den Film zu lieben, ohne sich dafür mit anderen in einen physischen Raum zu begeben, andere brauchen für ihre Liebe zum Film das Kino.

DAS LICHTER FILMFEST STELLT IN SEINEM INTERNATIONALEN FILMPROGRAMM ETWA 20 POSITIONEN DES AKTUELLEN WELTKINOS ZUM THEMA LIEBE ZUEINANDER IN BEZIEHUNG.

Ein Text von Kenneth Hujer