Gropiusstadt Supernova
von Paula Rudolf | am Montag, 4. Mai 2026
Mit Gropiusstadt Supernova feiert Regisseur Ben Voit sein Spielfilmdebüt und gleichzeitig seinen Abschluss an der Filmuniversität Konrad Wolf. Über 78 Minuten erreicht der Film eine Halblänge, die mit funkelnd leuchtenden Raketenschüssen den Himmel über Berlin erhellt. So wie die Überreste der Feuerwerkskörper in tausend Teilen vom Himmel stürzen, befindet sich auch ein junges Leben von jetzt auf gleich im freien Fall.
Eben noch im holprigen, aber voraussehbaren Hauptstadt-Alltag gehalten, wird Luan am Silvesterabend gleich doppelt aus seiner Umlaufbahn gerissen. Nachdem seine Freundin Stella ihm von ihrer plötzlichen Aufnahme an einer amerikanischen Schauspielschule erzählt, hält er nur wenige Minuten später den Abschiebebescheid seines älteren Bruders Tarek in der Hand. Luans beiden einzigen Konstanten entfernen sich mit Lichtgeschwindigkeit aus seinem Leben – und der junge Berliner verliert den Kopf.
In einer Mischung aus frustrierenden Nicht-Gesprächen und irrationalen Handlungen verstrickt sich Luan immer weiter in die Angst vorm Verlieren und rennt schneller und schneller, ohne jemals anzukommen. Auf der verzweifelten Suche nach Tarek lässt er Stella ewig auf dem Dach stehen. Nachdem sie trotzdem zu ihm zurückgekehrt ist, schafft er es nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Stattdessen läuft Luan wieder weg, einem Trugbild des Bruders hinterher, der bereits für immer unerreichbar scheint.
Oder auch nicht, wie das abrupt gelöste Ende offenbart. Luans absolute Verzweiflung verschwindet ins Nichts und im Vakuum seiner Atemlosigkeit wird deutlich, was die letzten Stunden angerichtet haben.
Unterbrochen von schemenhaften Traumsequenzen und bunt flackernden Sternenlichtern verliert sich die Handlung leider immer wieder im Dunkeln. Mehrmals blinken einzelne Facetten hell. Während manche Handlungsstränge wie von Zauberhand gelöst werden, tun sich zugleich Löcher auf, die bis zum Ende nicht geschlossen werden. Die Leistung der Schauspieler*innen – insbesondere die Verkörperung von Stella durch Berfin Sönmez – kann diese Schwärze nur in Teilen aufhellen. Besonders die Beziehung zwischen Luan und Stella, die eigentlich ein zentrales Element des Dramas bildet, geht in einem Meer aus Sternen und Raketen unter.
Doch Ben Voit macht deutlich, dass der Fokus von Gropiusstadt Supernova im Kern ganz woanders liegt. Getragen von seiner leuchtenden Atmosphäre funktioniert der Film besonders als ästhetisierte dokumentarische Zeichnung des Berliner Ortsteils, in dem er spielt. Die Gropiusstadt fungiert hierbei als eigene Akteurin, die scheinbar gleichgültig dabei zusieht, wie alle Figuren langsam in ihr versickern und sich dabei unaufhaltsam selbst verlieren.
Der ständige Kontrast von unterschiedlichen Lichtquellen mit dem kalten Dunkel der Nacht nimmt dabei das Auge ein und sorgt für eine konstante Faszination mit dem Leuchten auf der Leinwand.
Obwohl Ben Voits Werk wohl nicht in allen Aspekten glänzt, überzeugt es vorrangig mit einem: Herz. Die Low-Budget-Produktion lässt die Liebe und Aufopferung aller Beteiligten deutlich spüren und beweist, dass Zusammenhalt und Hingabe da weitermachen, wo 13.000 Euro nicht mehr ausreichen.
Dieselbe Liebe wird am Schluss des Films visualisiert. Über zehn Minuten begleiten buntes Feuerwerk und ein außerirdisch anmutender Soundtrack den Abspann, der sich beinahe zu lange zieht. Doch gerade so werden aus den vielen Namen echte Menschen, Personen, die einen Traum verwirklicht haben. Wobei Gropiusstadt Supernova bis zum Schluss ein bisschen Traum bleibt.