28.04. ‐ 03.05.2026

Redoubt und Rose

von Florian Alexander Metz | am Mittwoch, 6. Mai 2026

Rose/Redoubt III

| Drama |

Lichter FilmfestKritiker Blog

Durch die Programmierung des LICHTER-Filmfests konnte man die Filme Redoubt und Rose direkt hintereinander sehen, unterbrochen nur durch einen kurzen Spaziergang von einem Spielort zum anderen. Konstellationen wie diese können Assoziationen wecken und Bezüge offenlegen, die sonst weniger augenfällig wären. Die Reflexion vermischt sich und zeigt, wie im Falle dieser beiden Filme, überraschend viele stilistische Parallelen. Eine gemeinsame Besprechung kann somit vielleicht einige Ableitungen schärfen, die für sich nur Beobachtungen geblieben wären.

Rein formal fällt zunächst auf: Rose und Redoubt sind jeweils knappe anderthalb Stunden lang, in Schwarz-Weiß gedreht und haben ein begleitendes Voice-over. Inhaltlich kreisen sie beide um Außenseiterfiguren – Menschen, die als Exzentriker wahrgenommen werden, die jedoch beide auf sehr unterschiedliche Weise damit umgehen und sehr unterschiedliche Dinge anstreben.

Die titelgebende Figur Rose (Sandra Hüller) tritt nach dem Dreißigjährigen Krieg das Erbe eines gefallenen Kameraden an. Schon im Krieg hatte sie sich als Mann ausgegeben, um sich eine bessere gesellschaftliche Stellung zu ermöglichen, als für sie als Waisenmädchen eigentlich vorgesehen. Im Dorf gilt sie zunächst als sonderbar, kann sich aber durch verdienstreiches Mitwirken an der Gemeinschaft zunächst eine stabile Stellung sichern – bis sie als Bedingung für die Nutzung weiterer Ländereien die Tochter eines Dorfbewohners heiraten soll. Die junge Frau Suzanna (Caro Braun) ist zunächst mit der distanzierten Ehe sichtbar unglücklich, wird aber nach einem Vorfall, der die fehlende Männlichkeit Roses offenbart, zu ihrer einzigen Vertrauten – auch wenn Rose ihren echten Namen weiterhin verschweigt. So kann er Suzanna nicht versehentlich im Beisein anderer herausrutschen und dadurch die mühsam aufgebaute Fassade zerstören.

Karl-Göran (Denis Lavant) ist ebenfalls ein Sonderling innerhalb der Dorfgemeinschaft. All seine Energie fließt in den Bau einer bunkerartigen Festung – ein „Redoubt“ –, die ihm und seinen Nachbarn Schutz bieten soll, wenn der Kalte Krieg sich zu einem offenen militärischen Konflikt aufheizt. Er kümmert sich nicht um die Kommentare der Dorfbewohner und freut sich immer, wenn er neue Baustoffe für die Konstruktion seiner Festung beschaffen kann. Die einzigen, die ihn nicht auslachen, sind einzelne Frauen und die Kinder des Dorfes, mit denen er in einigen Szenen ausgelassen herumtollt und Spiele spielt. Die authentische Freude dabei nimmt man Lavant durchweg ab. Dem wortkargen Karl-Göran verleiht er eine einnehmende körperliche Präsenz.

In beiden Filmen lässt sich die Ästhetik als Verbildlichung des einengenden Zwangs lesen, der auch Teil von „Gemeinschaft“ sein kann – entweder man gehört dazu oder nicht, Weiß oder Schwarz. Die Graustufen dazwischen vermögen es nicht, diesen allgegenwärtigen Konflikt auszuhebeln. Karl-Göran wird zwar geduldet, dabei aber von den meisten verlacht. Seine Obsession ist zwar irrational, aber als Geste radikal menschlich und prosozial. Wenn Akzeptanz aber immer durch konformes Verhalten bedingt ist, wird eine solche Geste zum Verstoß.

Rose kämpft von Anbeginn an mit dem Zwang, bestimmten Erwartungen zu entsprechen. Sie muss sich permanent selbst verleugnen, um überhaupt so etwas wie Normalität für sich herstellen zu können. Jede Geste von ihr ist darauf kalkuliert, so konform zu sein, wie es ihre Andersartigkeit überhaupt zulässt. In dieser Hinsicht steht sie im direkten Gegensatz zu Karl-Göran. Und da sie die Differenz zwischen ihrer Person und ihrer Rolle in der Gemeinschaft letztlich nicht aufrechterhalten kann, wird ihr auf brutalste Weise alles entrissen, was sie sich aufgebaut hat. Verständnis für ihr Handeln kann nur Suzanna aufbringen, die diese Komplizenschaft ebenfalls mit dem Leben bezahlen muss. Die beiden haben als einzige Figuren Namen, genau wie auch Karl-Göran in seiner Geschichte, denn sie erlauben sich, individuell zu denken und zu handeln.

Die Off-Stimmen, die das jeweilige Geschehen mit einer gewissen Distanz, aber großer Sympathie für die Hauptfiguren kommentieren, sind die Verbindung zur Zuschauerschaft. Die Wahrnehmung einzelner Szenen wird wiederholt dadurch verschoben, dass die Standpunkte der Dorfbewohner in einer nüchternen Sachlichkeit vorgetragen werden. So entsteht eine abstoßende Spannung, die die Grausamkeit offenlegt, die dieser Denkweise innewohnt. In beiden Filmen ist es das Voice-over, das immer wieder darauf hindeutet, dass die Hauptfigur entsprechend ihrer Umstände und Möglichkeiten versucht, das Beste zu tun. Diese Perspektive bleibt denjenigen, für die die Regeln der Gemeinschaft heilig sind, aber auch jenen, die ihnen nur aus Opportunität folgen, verschlossen. Wie eine Gemeinschaft mit ihren Außenseitern und Exzentrikern umgeht, lässt in jedem Fall tief blicken.

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