28.04. ‐ 03.05.2026

Nightborn

von Paulette Bassiner | am Montag, 4. Mai 2026

Nightborn

Hanna Bergholm | 2026 | Horror | Finnland, Frankreich, Grossbritannien, Litauen

Lichter FilmfestKritiker Blog

Der Baum bricht durch den Fußboden des alten finnischen Hauses mitten im Wald. Durch Erde, Fundament und Dielen eignet er sich Sagas altes Familienhaus an, das eigentlich schon immer ihm gehört hat. Jon findet das charmant. Saga schweigt und wir verstehen, der Wald hat weder das Haus noch Saga je losgelassen.

Das Wechselbalg ist eines der ältesten Motive der europäischen Volkssage. Ein fremdes Kind wird mit dem echten getauscht, während die Mutter einen Moment lang unachtsam ist. Die Mutter, so das Narrativ, trägt die Schuld. Hanna Bergholm, die in Hatching (2022) schon einmal einen monströsen Brutpflegeprozess erzählt hat, greift dieses Motiv auf und dreht es konsequent um.

Saga weiß vom ersten Moment an, dass mit dem Neugeborenen etwas nicht stimmt. Der Säugling ist unnatürlich behaart, trinkt Blut, entwickelt sich mit einer Geschwindigkeit, die an ein Raubtier erinnert. Bergholm trifft die kluge Entscheidung, das Gesicht des Kindes lange zu verbergen, nicht um die Wahrheit zu verschleiern, sondern um die Wahrheit des Zweifels erfahrbar zu machen. Wir sehen, was Saga sieht. Wir wissen, was Saga weiß. Und dennoch glaubt ihr niemand. Nicht Jon. Nicht die Mutter. Nicht die Ärztin. Das ist nicht nur ein Horror-Motiv, das ist Alltag. Die feministische Kulturtheoretikerin Sara Ahmed nennt eine Frau, die darauf besteht, dass etwas nicht stimmt, eine killjoy – jemanden, der die gute Stimmung zerstört, indem sie auf das zeigt, was alle lieber nicht sehen. Bergholm gibt Saga nicht nur recht, sie gibt ihr den ganzen Film. Saga ist eine killjoy im besten Sinne. Und der Film verweigert sich bis zum Schluss, sie dafür zu bestrafen.

Was Nightborn in seinen stärksten Momenten leistet, ist die Verfilmung eines Gedankens, den die französisch-bulgarische Psychoanalytikerin Julia Kristeva mit dem Begriff des Abjekts gefasst hat. Ein Weder-noch, das die symbolische Ordnung bedroht, weil es ihre Grenzen zwischen Subjekt und Objekt unterwandert. Das Abjekte ist das, was ausgestoßen werden muss, damit das Selbst entstehen kann. Nichts verkörpert diese Logik radikaler als das Neugeborene. Es kam aus dem Körper der Mutter, es ist nicht mehr sie, aber noch nicht ganz von ihr getrennt und dennoch fremd. Bergholm findet dafür Bilder, die sich einbrennen. Der heilende Bauch der Mutter, dessen Ringe sich schließen wie die Jahresringe eines Baumstumpfs. Körper und Wald werden in einem einzigen, verstörenden Bild vereint, als hätte der Wald Saga nie nur von außen bewohnt. Das Baby in Nightborn ist ein Wesen, das die Grenze zwischen Mensch und Tier, zwischen Geliebtem und Bedrohlichem nicht respektiert, und wenn Jon und Saga diskutieren, welchen Namen es tragen soll, öffnet Sagas Frage einen Abgrund, den Jon nicht sehen will: „Does it look like a Christian to you?“

Saga selbst verändert sich. Die manikürten French Nails brechen, werden dunkel, am Ende trägt sie die Hände einer Frau, die im verwurzelten Erdreich gewühlt hat. Wurzeln, das ist Bergholms eigentliches Thema, die Frage, was uns bindet und was uns zurückzieht, ob man in seine Herkunft heimkehren kann oder ob sie einen längst zurückgeholt hat. Seidi Haarla trägt als Saga diese Verwandlung mit einer Energie, die von innen nach außen brennt, zuerst sicher, dann flehend, dann still auf eine Weise, die beängstigender ist als jedes Schreien. Rupert Grint spielt Jon mit gut gemeinter Taubheit und mit einer Vernunft, die immer dann auftaucht, wenn Vernunft nicht mehr hilft.

Und dennoch läuft mit Nightborn strukturell etwas schief. Bergholm verhält sich gegenüber den Zuschauenden wie Jon gegenüber Saga: gut gemeint, erklärungsbereit, einen Moment zu vernünftig. Die Symbolik liegt offen, die Metaphern sind beschriftet. Was als Subtext wirken könnte, wird fast immer ausgesprochen. Was als Bild allein sprechen könnte, wird kommentiert. Der Humor, der die Schwere gelegentlich brechen soll, weiß selbst nicht genau, wo er hingehört. Eine Fütterungsszene im Hochstuhl, die in blutigem Chaos endet, hat groteske Treffsicherheit, aber solche Momente werden zu oft wiederholt, bis aus dem Witz eine Pointe wird, die man kommen sieht. Und Sagas emotional abwesende, karrierefixierte Mutter hätte das eigentliche Thema verdoppeln können, bleibt aber schablonenhaft und erhält keine Tiefe.

Das Wechselbalg ist kein Relikt, sondern eine Form, in der Kulturen seit Jahrhunderten beschreiben, was sie nicht ertragen können. Eine Mutter, die weiß, dass etwas falsch ist und damit allein ist. Bergholm weiß das auch, nur traut sie weder dem Stoff noch dem Zuschauer und so bleibt ein Film, mit einem starken theoretischen Gerüst, handwerklich solide aber zu berechenbar, um wirklich zu erschrecken.

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