Gropiusstadt Supernova
von Paulette Bassiner | am Samstag, 2. Mai 2026
Ben Voit hat mit verschwindend geringen Mitteln einen Film gedreht, der sich traut, groß zu denken – kosmisch groß. Sterne sterben nicht leise. Und manchmal ist das Leuchten, das sie hinterlassen, das Schönste, was sie je waren.
Eine Silvesternacht in Berlin-Neukölln. Draußen zischen die ersten Raketen über die Dächer der Plattenbauten, drinnen bricht für Luan eine Welt zusammen. Sein Bruder soll abgeschoben werden. Seine Freundin geht nach Amerika. Und irgendwo da draußen, im Gewirr aus Beton und Dunkelheit, wurde gerade ein Geldautomat gesprengt. Ben Voits Spielfilmdebüt beginnt wie ein Fiebertraum und bleibt es bis zum Ende.
Eine Supernova ist das Sterben eines Sterns. Nicht ein ruhiges Erlöschen, sondern ein letztes, gewaltiges Aufleuchten, für einen Moment heller als eine ganze Galaxis, bevor alles kollabiert. Der junge Regisseur Ben Voit hat dieses Bild ernst genommen und nutzt es als strukturelle Metapher. Luan ist ein junger Mann, der bislang im Gleichgewicht gehalten wurde von zwei Menschen, seinem Bruder Tarik und seiner Freundin Stella. Als beide an einem einzigen Abend aus seiner Umlaufbahn zu verschwinden drohen, beginnt er sich zu entzünden. Nicht in Wut, nicht in Rebellion, sondern in einem panisch fiebrigen Aktionismus, als er merkt, dass er seine Schwerkraft nicht aufhalten kann. Je mehr er kämpft, desto schneller verbrennt er.
Was Voit und Kameramann Konrad Waldmann mit der Gropiusstadt anstellen, ist dabei bemerkenswert und das mit einem Produktionsbudget von 13.000 Euro. Aus extremen Untersichten wirken die Hochhäuser wie Gebirge, die Zwischenräume wie Schluchten, der Himmel darüber dehnt sich ins Unendliche. Und dann gibt es diese Einstellungen, in denen das warme Licht aus den Wohnungen der Hochhäuser nach außen dringt. Hunderte kleine Rechtecke, die in der blauen Berliner Winternacht glühen. Kein Scheinwerfer, keine Inszenierung, sondern das schlichte Faktum, dass da drin Menschen leben, kochen, schlafen, streiten, lieben. Dieses Licht erweicht die Kälte der Nacht auf eine Weise, die kein Set-Design hätte planen können. Die Plattenbauten wirken plötzlich nicht wie Symbole sozialer Verwahrlosung, sondern wie dicht bewohnte Sterne.
Die Kamera ist ruhelos, fast immer in Bewegung, und doch gibt es Momente, in denen sie innehält und einfach nach oben schaut zu einem Himmel, hinter dem man die Sterne kaum noch erahnen kann. Der Synthesizer-Score von No Bloom Now verstärkt diese Spannung. Er klingt nicht nach Straße, sondern nach Weltraum, weit, flimmernd, hektisch glühend. Als würde die Musik wissen, dass gleich etwas explodiert. Inmitten all dieser Energie gibt es einen Moment, der nicht mehr loslässt. Ein fremdes Paar, irgendwo am Rand des Geschehens, küsst sich zu Neujahr unter einem Regen aus Raketen. Nur zwei Menschen und der Himmel, der über ihnen verbrennt. Es ist eine der schönsten Einstellungen des Films.
Und doch stolpert Gropiusstadt Supernova an entscheidenden Stellen. Tariks Abwesenheit, das eigentliche emotionale Zentrum des Films, wird zu schnell und zu leichtfertig aufgelöst. Die Abschiebung, die alles ins Rollen gebracht hat, ist am Ende fast beiläufig vom Tisch. Der Film, der so viel Druck aufgebaut hat, scheut den Aufprall. Was bleibt, ist kein Knall, sondern ein Verglühen, ein Filmstern, der erlischt, bevor wir verstanden haben, wie hell er hätte brennen können. Das ist ärgerlich. Und gleichzeitig, auf eine seltsame Weise, auch passend. Das Leben in der Gropiusstadt liefert keine Auflösungen, es liefert das nächste Problem. Berfin Sönmez als Stella strahlt in jeder Szene, bekommt aber zu wenig Raum, um mehr als ein Gegengewicht zur Verzweiflung des Protagonisten zu sein. Das ist schade, denn in den Momenten, in denen die beiden einfach miteinander reden, hat der Film eine Wärme, die den Rest der Nacht umso kälter wirken lässt.
Dann beginnt der Abspann. Und er läuft. Und er läuft weiter. Eine scheinbar endlose Namensliste, während wir noch sitzen und das Gesehene sortieren. Bei einem Film mit diesem Budget ist diese Liste keine Eitelkeit, sondern Ehrlichkeit. Gropiusstadt Supernova ist ein Gemeinschaftswerk, zusammengehalten von Menschen, die an etwas geglaubt haben, bevor es existierte. Dass wir angehalten sind, ihre Namen zu lesen, fühlt sich weniger wie Abspann, sondern wie ein Nachglühen.