28.04. ‐ 03.05.2026

The Love That Remains

von Michelle Pazer | am Montag, 4. Mai 2026

The Love That Remains

Hlynur Pálmason | 2025 | Tragikomödie | Dänemark, Frankreich, Island, Schweden

Lichter FilmfestKritiker Blog

Früher war alles besser. Zumindest hielten die meisten Ehen. So oder so ähnlich argumentieren konservative Stimmen gerne. Im neuen Film des isländischen Regisseurs Hlynur Pálmason, „The Love That Remains“, sind die beiden Protagonisten Anna und Magnús dabei, sich zu trennen. Wieso? Das ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen und wird über den Verlauf des Films nur angedeutet. Fest steht: sie arbeitet an Land, er auf dem Meer – und die ganze Care-Arbeit für die drei Kinder fällt ihr zu.

Pálmason hat einen bedächtigen, ungemein einfallsreichen Film über diesen nur allmählich voranschreitenden Trennungsprozess gemacht, der sich größtenteils durch seine Bilder und den cleveren Schnitt erzählt. Dies wurde erneut unter Beweis gestellt, als die Vorführung des Films beim Lichter Filmfest Frankfurt International am 30. April aufgrund technischer Probleme zunächst ohne jegliche Untertitel lief. In den ersten zehn Minuten des Films wurde kaum gesprochen, doch nachdem die Festivalmitarbeiter*innen auf den Fehler aufmerksam gemacht wurden, konnte leider auf die Schnelle auch keine Untertiteldatei gefunden werden. Doch davon ließ sich das Publikum des Festivals nicht einschüchtern und stimmte mit einer überwältigenden Mehrheit dafür, den Film ohne Untertitel weiterlaufen zu lassen. Dabei war niemand des Isländischen mächtig.

Eine etwa zehnminütige Szene mit einem Englisch sprechenden Kunstkurator lässt das Publikum dennoch merklich aufatmen. Nach einer Stunde geschieht dann das große Wunder – plötzlich tauchen die Untertitel auf! Wahrscheinlich gebührt an dieser Stelle den Festivalmitarbeiter*innen Dank, die eifrig nach einer passenden Datei gesucht haben müssen. Das Dazuschalten der Untertitel geschah auch genau zum richtigen Zeitpunkt, da der davor sehr wortkarge Film just in diesem Moment begann, mit pointiertem Dialog und Gedichten zu arbeiten. Der hier beschriebene Eindruck des Films wurde somit unweigerlich von den Umständen dieser speziellen Vorführung beeinflusst.

„The Love That Remains“ ist ein Film mit der festen Überzeugung, dass Menschen von ihrer Umgebung geprägt werden. Die majestätischen Landschaftsaufnahmen der kaum bewohnten isländischen Küste mit ihren Fjords und den wilden Pferden schaffen eine faszinierende Kulisse für den langsamen Prozess des Auseinanderdriftens der Protagonisten. Pálmason fängt das Vergehen der Zeit eindrücklich ein. Einer fürs Bogenschießen als Ziel genutzten Stoffpuppe am Meeresufer sehen wir über die Jahreszeiten zu, wie sie allmählich verwittert.

Protagonistin Anna, die in dem Film als Pálmasons Alter Ego fungiert, ist Künstlerin. Nachdem ihr altes Atelier in der ersten Szene des Films abgerissen wird, muss sie fortan draußen auf dem Feld arbeiten. Auch ihre Kunst ist explizit zeitabhängig, denn sie lässt kupferne Metallschnitte über Monate hinweg auf Stoff verrosten, um dadurch die charakteristischen orangefarbenen Abdrücke des eingefressenen Rostes zu erhalten. Überhaupt profitiert der Film enorm von Pálmasons typischer Arbeitsweise, über Monate hinweg mit selbst gekaufter Kamera und Optiken immer wieder kleine Augenblicke festzuhalten. Die drei Kinder von Anna und Magnús werden so beispielsweise von seinen eigenen Kindern verkörpert und es ist auch sein Atelier, das zu Filmbeginn wirklich abgerissen wird. Dabei könnte es kein treffenderes Eröffnungsbild für diesen Film geben, in dem das patriarchalisch geprägte Selbstverständnis der Kernfamilie aus den Angeln gehoben wird.

Anna und Magnús gehen weiterhin liebevoll miteinander um, flirten bisweilen sogar. In einer erinnerungswürdigen Szene im ersten Drittel des Films bei einem Picknick der Familie in den Bergen steigt die einen sonnengelben Rock tragende Anna über die auf dem Boden liegenden Familienmitglieder und bleibt genau über Magnús‘ Gesicht stehen. Der erhält daraufhin von unten einen ihm schon lange nicht mehr gewährten Blick auf das Gesäß seiner Frau. Irgendwie vermag Pálmason es, dieses Bild nicht als ein unbedacht perverses Beispiel des Male Gaze zu inszenieren, sondern betont den sacht im Wind schweifenden gelben Stoff des Rocks und Magnús‘ übertrieben jämmerliche Hingabe. An einer späteren Stelle des Films wird Magnús sich in einem Moment seiner absoluten Verzweiflung an dieses Bild erinnern.

Die feministische Grundhaltung versteckt sich zunächst etwas in dem eher gemächlich erzählten Film, der mit seinen authentisch anmutenden Szenen an alte Familienvideos erinnert, und gänzlich ohne konkrete Handlung auskommt. Doch immer wieder kommt sie zum Vorschein, ehe sie sich am Ende geradezu erfreulich aufdrängt. Anna ist einer konstanten Doppelbelastung ausgesetzt: als freischaffende Künstlerin, die vergeblich nach einer Galerie für ihre Bilder sucht, und als Mutter von drei abenteuerlustigen Kindern. In der bereits erwähnten Szene mit dem Englisch sprechenden Kunstkurator muss sie in einem Restaurant einen langen Monolog über sich ergehen lassen, warum eine Flasche Wein am Tag wissenschaftlich erwiesen besonders gesund sein soll – ein klassischer Fall von Mansplaining.

Kontinuierlich und sehr effektiv spielt der Film mit dem Motiv des Hühnerstalls als Metapher für den Zustand dieser Familie. Der durch seine Arbeit auf See meist abwesende Magnús – liebevoll von seiner baldigen Exfrau nur „Magi“ genannt – versteht gar nicht, woher der plötzliche Riss in der Fassade der Vorzeigefamilie herrührt. Der Film empfindet größtes Vergnügen daran, die Impotenz von Magi in dieser Familienkonstellation wiederholt hervorzuheben. Er nutzt dafür sowohl surreale Elemente als auch eine sehr aussagekräftige Parallelmontage zu Ende, die durch die Weiterführung im Abspann umso mehr Magis amüsante, doch zutiefst traurige Ohnmacht unterstreicht. Magis Verwunderung darüber, dass nun mehr von ihm gefragt ist, als nur der Hauptversorger der Familie zu sein, spiegelt die aktuelle Krise vieler Männer inmitten einer Neudefinition von Maskulinität.

In einer denkwürdigen Szene erhält Magi von Anna den Auftrag, den Hahn der Familie zu beseitigen, weil dieser wiederholt störend aufgefallen ist. Doch der überforderte Magi findet keinen anderen Weg, als ihn kurzerhand zu erschlagen. Mit demselben Sinn für schwarzen Humor und Komik durch Montage gelingt es „The Love That Remains“ auch, ein sehr eindrückliches Bild der modernen Familie zu zeichnen, in der der alte Hahn eigentlich nichts mehr zu melden hat.

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