Gropiusstadt Supernova
von Sebastian Laubenstein | am Mittwoch, 6. Mai 2026
Ben Voits Spielfilmdebüt Gropiusstadt Supernova verbindet eine hektische Silvesternacht in Berlin-Gropiusstadt mit einzigartigen visuellen Eindrücken und gleichzeitig überraschender Authentizität. Zwischen gesellschaftlichen Vorurteilen und menschlicher Wärme entstehen eindrückliche Szenen auch in alltäglichen Situationen.
Luan und sein Bruder Tarik leben in Berlin-Gropiusstadt. Sie beide haben es nicht immer leicht, sondern kämpfen oft mit Rassismus im Alltag. In einer Silvesternacht überschlagen sich schließlich die Ereignisse.
Bereits einige Zeit hat Luan (Mo Issa) Träume, in denen sein Bruder Tarik (Walid Al-Atiyat) und seine Freundin Stella (Berfin Sönmez) ihn verlassen. Als er daraufhin einen Abschiebebrief für seinen Bruder findet, tun sich Spannungen auf. Tarik möchte aus Deutschland nach vielen Jahren „mit einem Knall“ abhauen. Er fühlt sich nicht mehr willkommen, sondern ausgestoßen. Luan versucht, ihn zum Bleiben zu bewegen und arrangiert mit großer Mühe einen Termin mit ihrer Rechtsberaterin.
Luans Freundin Stella wurde wider Erwarten an einer Schauspielschule in den USA angenommen. Doch statt sich wirklich zu freuen, hat er Angst, sie zu verlieren. Lieber möchte er ihr in der Silvesternacht einen Antrag zu machen. Doch als in der Nacht neben zahlreichen Böllern plötzlich ein Bankautomat in die Luft gesprengt wird, glaubt Luan, sein Bruder sei der Täter und gerät in Aufruhr. Es beginnt eine rastlose Jagd durch die Straßen und Parks von Gropiusstadt. Der Film bleibt fast immer in Bewegung und hält nur selten länger inne.
Der Film spielt mit Farben und den bunten, wuseligen Eindrücken der Silvesternacht. Wo ringsherum Feuerwerkskörper explodieren und Blaulichter blitzen, entsteht ein Chaos, in dem Luan versucht, seinen Bruder zu finden und gleichzeitig Stella nicht zu verlieren. Die visuelle Gestaltung der Bilder ist bunt, dicht und hektisch, aber sehr stimmig. Die ständig verglühenden Feuerwerkskörper am Nachthimmel gepaart mit einem angemessenen, aber nicht zu aufdringlichen Sounddesign verleihen dem Film seine eigene Wirkung.
Ausgerechnet der Protagonist Luan wirkt jedoch etwas eindimensional. Zwar wird später im Film in Bezug auf die Polizei ein gewisser innerer Konflikt offenbar, doch bis auf eine fragwürdige Entscheidung am Ende, die kaum zum Charakter passt, verhält er sich vorbildlich, wenn auch nicht immer ganz rational. Sein Bruder Tarik hingegen wirkt zwar zunächst als ein von klassischen Männlichkeitsidealen geformter Typ, zeigt sich später aber auch als empathisch und sanftmütig. Vielleicht wäre er der spannendere Protagonist gewesen. Jemand, der Zweifel daran hat, ob er in Deutschland überhaupt noch willkommen ist und versucht, seinen Platz zu finden.
Insgesamt bleibt im Werk bis zum Schluss aber Raum für Menschlichkeit. Der Film greift die „Brennpunkt-Gegend“ Neukölln auf, und zeigt dort Tiefe und Wärme zwischen den kargen Betonbauten. Er setzt damit auch ein wichtiges Statement und schaut hinter die Fassade so vieler Klischees. Und das Wissen darum, dass er in weiten Teilen auf wahren Geschichten basiert, verleiht dem Ganzen noch eine besondere Note Authentizität. Es bleibt ein stimmiges Werk mit starker gestalterischer Wirkung und einer eindrücklichen Botschaft.