Gavagai
von Claudia Kamb | am Montag, 4. Mai 2026
Ein seltsam anmutender Titel, dessen Vorspann sich von den üblichen Sehgewohnheiten absetzt.
Meeresrauschen aus dem Off.
Vier Sprachen vor schwarzem Hintergrund, die Schriftzeichen in den Primärfarben voneinander unterschieden. Nachdem sie aus einem Buchstaben- und Farbensalat erkennbar werden und sich in einer Reihe aufstellen.
Deutsch in Gelb, Französisch in Grün, Englisch in Rot und in Blau etwas, das eine afrikanische Sprache sein könnte.
Gleichsam entfaltet sich der Titel aus geometrischen Flächen, in den benannten Farben. Als die weißen Umrisse sachte dazu geblendet werden, wird der Titel lesbar, die farbigen Zwischenräume der einzelnen Buchstaben, die geometrisch bunten Flächen verschwinden.
Hier steht es: Weiß auf Schwarz, wie einzeln hinbuchstabiert, in gemischtem Font und gesetzter Groß- und Kleinschreibung. Gavagai.
Zum Meeresrauschen kommen weitere Geräusche, und eine Stimme, die Medeé ruft.
Cut.
Meeresküste, ein Motorboot, ein Mann. Die Geräusche nehmen Gestalt an.
Unvermittelt finden wir uns in eine Gesamtkomposition epischen Ausmaßes hineingeworfen.
Und ebenso wie den Charakteren wird uns das Ausmaß erst am Ende des Filmes bewusst.
Wer es wagt, sich dann die entscheidende Frage zu stellen und sie zu ergründen, der rutscht leicht in das Rabbit Hole ab, aus dem die Komposition ins Licht gefunden hat. Schritt für Schritt erschließt sich alles und findet seine Platz.
Die Rahmenhandlung ist einfach.
Ein Filmset im Senegal mit gemischt-sprachlichen Akteuren. Die HauptdarstellerInnen – komplementären Geschlechts und Hautfarbe – haben eine Affäre. Der Hauptdarsteller (Nourou Cissokho, gespielt von Jean-Christoph Folly) verkörpert die Rolle des Jason, ist Senegalese und kommt aus einer wohlhabenden Familie. Die Hauptdarstellerin (Maja Tervooren, gespielt von Maren Eggert) gibt Medea und hat Kind und Mann zu Hause in Deutschland.
Es wird eine Neuinterpretation des griechisch-mythologischen Theater-Klassikers "Medea" von einer französischen Crew gedreht.
Die Atmosphäre am Set und zwischen den Beteiligten ist angespannt.
Nach Drehschluss sieht sich die Crew erst mehrere Monate später zur Festivalpremiere des Films in Deutschland wieder.
Was in der Zwischenzeit geschehen ist, bleibt im Dunkeln.
Die Gefühle zwischen Nourou und Maja sind noch da, aber die Umstände haben sich geändert. Anderer Ort, andere Gesellschaft, andere Station im Filmbusiness-Prozess. Es kommt zu einem Zwischenfall zwischen Hotel-Security und Nourou, der von den Beteiligten unterschiedlich gewichtet wird.
Zwischen die Haupthandlung werden immer wieder Szenen des Films und somit der mythologischen Erzählung geschnitten; unvermittelt mit harten Cuts.
Diese Verflechtung, Verschränkung, Perspektivwechsel ziehen sich durch alle Gewerke, die ein Film zu bieten hat.
Es entsteht ein dicker Zopf, geflochten aus mehreren Strängen weiterer Zöpfe, deren Einzelstränge wiederum ineinander übergreifen.
Wie schon im Vorspann, muss man sie entflechten, um die Gesamtkomposition in ihrer gesamten Pracht begreifen zu können.
Aus meiner Sicht ist dies vor allem in zwei Szenen/Einstellungen („am roten Teppich“ & „im Kinosaal“) besonders gut gelungen, die einem erst bewusst werden, wenn man innehält, innerlich auf Pause drückt und das Bild auf sich wirken lässt.
Das Gefühl von Unbehagen erschließt sich schnell dahingehend, dass es mit Sehgewohnheiten zu tun hat und damit gespielt wird.
Komplex, aber nicht verkopft.
In einfache Formen auflösbar und somit verständlich dargestellt.
Wie es der Vorspann schon abgebildet hat.
Und dabei kommt sogar ein selbstironisch kritischer Blick auf die eigene Branche und unser aller Lieblingsthema (?) – die Liebe – nicht zu kurz.
All dies bewerkstelligt unter Federführung eines working-and-living-couple: Ulrich Köhler (Regie & Buch) und Maren Ade (Co-Produzentin) sowie einem zweisprachigen Produktionsteam aus Ingmar Trost und Clément Duboin.
Der Titel ist eigentlich nur die Quintessenz von all dem, was dargestellt wird und gleichzeitig vermutlich der Anfang von all jenem.
Was wir mit und/oder aus Gavagai machen,
wie weit wir dem weißen Kaninchen folgen,
ob wir uns für die rote oder die blaue Pille entscheiden,
bleibt – wie im wahren Leben – tatsächlich uns selbst überlassen.