28.04. ‐ 03.05.2026

Staatsschutz

von Michelle Pazer | am Freitag, 1. Mai 2026

Staatsschutz II

Faraz Shariat | 2026 | Thriller | Deutschland

Lichter FilmfestKritiker Blog

„Man nennt uns nicht ohne Grund die objektivste Behörde der Welt. Und das wollen wir auch bleiben.“

Regisseur Faraz Shariat bereitet uns auf den Moment vor, der alles im Leben der jungen Staatsanwältin Seyo Kim verändern wird. Zu Beginn des Films sehen wir sie nach einem erfolgreichen Arbeitstag mit ihrem PKW in einen Tunnel einfahren, bis ihr Auto irgendwann im Dunkel verschwindet. Genauso wird die Szene mit dem Anschlag später inszeniert, in der sie mit dem Fahrrad eine dunkle Unterführung durchquert und wir als Zuschauer*innen mit der Kamera zurückbleiben.

Der Moment mit dem Auto im Tunnel ist zunächst nur ein Bild, das weiter unkommentiert bleibt, aber in vielerlei Hinsicht erzählt er uns schon eine Menge über unsere Protagonistin: Seyo genießt es, endlich in einer Machtposition angekommen zu sein und zu wissen, dass sie ihre Fälle mit der vollen Staatsgewalt im Rücken verhandeln kann. In einer frühen Gerichtsszene bittet sie einen Rechtsextremisten, der wegen einer anderen Straftat angeklagt ist, er möge doch bitte seine tätowierten Arme und das T-Shirt mit einer verfassungswidrigen Aufschrift verdecken. Als sie sich nach vorne lehnt und den Antrag stellt, wirkt sie zunächst nicht angespannt – stattdessen ziert ein belustigtes Lächeln ihr Gesicht. Ist es einstudiert, um als weniger konfrontativ wahrgenommen zu werden? Oder glaubt ein Teil von ihr tatsächlich, dass sie sich nicht vor den Schatten zu fürchten braucht, die sie alltäglich durchquert?

Es ist eine faszinierende zentrale Figur, die Shariat, die Drehbuchautorinnen Claudia Schaefer, Jee-Un Kim, Sun-Ju Choi sowie Hauptdarstellerin Chen Emilie Yan zusammen geschaffen haben: eine Opportunistin, die anfangs noch vorgibt, an die Objektivität des deutschen Justizsystems zu glauben und ihr Handeln mitsamt seiner Konsequenzen jederzeit zu relativieren weiß. Als sie nun selbst auf die Verteidigung durch ihre Kolleg*innen von der Staatsanwaltschaft angewiesen ist, zeigt sie plötzlich jedoch weitaus weniger Vertrauen in ihre Methoden. Kurzerhand beruft sie eine Nebenklägerin, unternimmt selbst Ermittlungen und kommt so allmählich einem rechtsradikalen Netzwerk auf die Spur.

Eine große Stärke des Films ist es zweifelsohne, wie er ohne große Schleifen oder Abstecher direkt zum auslösenden Ereignis kommt. Zu diesem Zeitpunkt ist Seyo für uns als Zuschauer*innen noch kein vollends greifbarer Charakter, aber wir erschließen sie uns anhand ihres Handelns: wenn sie nach dem Brandanschlag kühl und kalkuliert die nächsten Schritte anordnet oder wenn sie die Glasfassade ihrer Wohnung mehr und mehr mit Fotos der Verdächtigen zuklebt, bis sich das Licht von außen kaum noch in die Wohnung kämpfen kann.

Einige der interessantesten Momente von „Staatsschutz“ sind jene, in denen Buch und Inszenierung uns erlauben, Seyo als eine ambivalent handelnde Figur wahrzunehmen: Wenn etwa die Asylbewerberin Maida hervorhebt, dass sie zu keiner Zeugenaussage erscheinen wird, solange nicht für ihre Sicherheit gesorgt wird – und Seyo sie dann kurzerhand von der Polizei zum Prozess eskortieren lässt. „Hast du eigentlich Kinder?“, fragt sie die von ihr berufene Nebenklägerin Alexandra Tiedemann betont beiläufig, während im Hintergrund Maida wider ihren Willen ins Gerichtsgebäude bugsiert wird.

Doch auffällig häufig lässt der Film die Selbstjustiz seiner Protagonistin unkommentiert. Es ist spürbar, dass Shariat irgendwo auch Genrekino mit „Staatsschutz“ machen wollte. Nicht wenige Einstellungen zeigen Seyo in ihrem Sportwagen durch die Nacht düsen, als wäre sie Beatrix Kiddo auf ihrem Motorrad, die ihren Rachefeldzug noch nicht vollendet hat. Zugleich vermeidet der Film abgesehen von diesen Autofahrten jegliche Stilisierung und verwendet natürliches Licht. Doch eine eindeutige Entscheidung fällt in der Inszenierung nicht, was dem Film als Schwäche oder Stärke ausgelegt werden könnte.

Thrillerelemente lassen sich viele in dem Film finden, der bisweilen durch eine Szene, in der Seyo von Polizisten gezielt schikaniert wird, eine bedrohliche Atmosphäre aufzubauen vermag. Doch zugleich scheut sich „Staatsschutz“ in seiner Erzählung, echte Konsequenzen zuzulassen. Das Publikum im Kinosaal begann unmittelbar zu schmunzeln, wenn Seyo sich mal wieder problemlos Zugang zum Aktenarchiv im Keller verschafft hatte. Die Archivmitarbeiterin Ayten scheint die Beendigung ihres Beschäftigungsverhältnisses auch kaum zu treffen.

Am ehesten funktioniert der Film dann wieder als Justizdrama, in dem das brillante Spiel von Chen Emilie Yan vollends zur Schau kommt, weil Seyo eigentlich niemals genau sagen darf, was ihr durch den Kopf geht. Die Kameraarbeit von Lotta Killian fängt den brisanten Prozess in Bildern ein, die bewusst selten den gesamten Gerichtssaal zeigen, sondern uns an der subjektiven Perspektive von Seyo teilhaben lassen. Wendet Seyo sich gegen Ende des Prozesses ständig von einer Person zur anderen, wird nicht etwa weggeschnitten, sondern wir folgen ihrem Blick und sehen mit ihr, wie sich das Auftreten der Zeugen zunehmend verändert. Wie ein nervöses Tier kreist die Kamera schlussendlich etwa um den Oberstaatsanwalt Forch, als dieser merkt, dass es ihm an den Kragen geht.

Mit „Staatsschutz“ ist Shariat ein durchaus ausdrucksstarker Film gelungen, der zu seiner antifaschistischen Haltung steht und besonders durch seine Hauptdarstellerin besticht. Zugleich kommt man nicht umhin, sich etwas mehr Subtilität in den Dialogen zu wünschen, in denen plakativ wiederholt die „Objektivität“ der Justiz betont wird und Rechtsextreme als geeignete Staatsanwälte bezeichnet werden. Doch angesichts einer aktuellen politischen Realität, in der sich die deutsche Politik und Justiz wieder vermehrt „blind auf dem rechten Auge“ zeigen, muss zugegeben werden, dass solche Aussagen leider immer mehr an Realismus gewinnen. „Staatsschutz“ mag kein Justizdrama sein, das die moralischen Grauzonen seiner Figuren komplett auslotet, aber in seiner brachialen Machart ist er vielleicht gerade deswegen der Film der Stunde.

Lichter Filmfestvorherige Kritik
Urchin: Vertrauter Fall

nächste KritikLichter Filmfest
Memoir of a Snail: Im Schneckenhaus der Gefühle