28.04. ‐ 03.05.2026

Nightborn

von Claudia Kamb | am Mittwoch, 6. Mai 2026

Nightborn II

Hanna Bergholm | 2026 | Horror | Finnland, Frankreich, Litauen, Vereinigtes Königreich

Lichter FilmfestKritiker Blog

Ein einsames überwuchertes Haus mitten in den finnischen Wäldern. Der Weg dorthin ist eine Herausforderung für unsere Gefährte, die ebene Straßenbeläge gewohnt und dafür konzipiert sind.

Der Film von Regisseurin Hanna Bergholm schickt uns mit den binationalen Eheleuten Saga (Finnin) und Jon (Brite) durch eine Safari der nordischen Art auf eine bizarre Entdeckungsreise.

Einerseits verfolgen wir den alltäglichen zunehmenden Horror, den die Geburt des ersten Kindes mit sich bringen kann. Andererseits sehen wir, wie sich die Natur Raum zurückerobert, der ihr ursprünglich gehörte, von der Zivilisation gestohlen.

Diese beiden natürlichsten Dinge der Welt werden in den Horrortopf geworfen, mit nordisch-heidnischen Sagenstoffen gewürzt und stark „erhitzt“.

Womit wir dann gefüttert werden, wird geschmacklich sehr kontrovers vom Publikum im Kinosaal des Lichter Filmfest in Frankfurt angenommen und verdaut. Das brachiale Gericht mag dem einen oder der anderen nicht ganz so willkommen gewesen sein. Ganz wie Baby Kuura (aka Christian, wenn es nach Jon gegangen wäre) seine Gläschenkost.

Inwieweit Horror tatsächlich der richtige Genrebegriff ist oder ob vielleicht „bewusst zugespitzte Splatter-Komödie“ die sperrigere, dennoch aussagekräftigere Umschreibung ist, gäbe Anlass zur Diskussion.

Speaking of „sperrig“: Explosiv und in our face (im wahrsten Sinne des Wortes) gebiert Saga ihren Säugling.

Das Neugeborene scheint nicht den gewohnten Vorstellungen des süßen Babys zu entsprechen, das man stolz den Freunden und Verwandten präsentiert. Die frisch gebackene Mutter spricht sogar ausschließlich in der dritten Person Singular Neutrum von dem Kleinen.

Dabei bleibt unklar, inwiefern dies vor allem Sagas Blick ist. Nehmen die umgebenden Personen dies ebenso monströs wahr wie sie selbst oder entsteht es ausschließlich in ihrem Kopf? Dieses kleine Monster, das ihr buchstäblich das Blut aus den Brustwarzen saugt.

Die Problematiken, die sich zwischen den jungen Eltern infolgedessen zusammenbrauen, sind selbstverständlich.

Diesen Widerstreit von Frau und Mann, Natur und Zivilisation, Intuition und Erziehungsratgeber verkörpern die Figuren von Saga und Jon.

Jon - der Brite mit klerikaler Kinderstube - verströmt das Odeur der Zivilisation, gepaart mit Kolonisationseifer.

Wunderbar eindrücklich dargestellt in einer Szene, in der er entspannt im Sessel sitzt.

Eine Hand hält ein klassisches Kristallglas mit einer whiskey-ähnlichen Flüssigkeit.

Der Ellbogen ruht auf der Sessellehne.

Sagas Perspektive von der Tür des Raumes aus zeigt ihn im leicht seitlichen Profil.

Alles „very british“.

Im Kontrapunkt zu seinem „very finnish“, das er in allen möglichen und unmöglichen Situationen nicht müde wird einzustreuen.

Diese Einstellung erinnert an den Werbedreh aus Lost in Translation (2003), Stichwort: „It‘s Suntory time!“

Saga ist eindeutig der (wilden) Natur zuzuordnen, was Bergholm mehrfach eindrücklich bebildert.

Kuura selbst könnte, bei entsprechender Vorkenntnis, auch als der Archetyp des „göttlichen Kindes“ im Sinne von C.G. Jung gelesen und interpretiert werden.

Und ist somit nur ein Katalysator für die Ich-Findung und -Werdung von Saga…?!?

Deutungshoheit - nur - wem Deutungshoheit gebührt…

Abgeschmeckt ist diese kontrast- und gleichzeitig facettenreiche Menüführung zumindest mit viel schwarz-humorig überspitzten Wendungen.

Im Detail zwar fast allesamt vorhersehbar, was aber gar nicht unangenehm aufstößt.

Es verleiht der schweren Kost eine frische Note und macht sie somit bekömmlicher.

Der internationale Titel „Nightborn“ wirkt wie ein Gebräu, dem man leider öfter begegnet, wenn Originaltitel „übersetzt“ werden. Meist findet eine (unbewusste?) Uminterpretation statt, die dem Original nicht ganz gerecht wird.

Gängige Tools übersetzen „Yön Lapsi“ mit „Kind der Nacht“.

Interessant wäre, herauszufinden, welche und ob sich eine zusätzliche kulturelle Note im Originaltitel versteckt, die sich ausschließlich finnischen native-born erschließt.

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