28.04. ‐ 03.05.2026

No Good Men

von Paulette Bassiner | am Montag, 4. Mai 2026

No Good Men II

Shahrbanoo Sadat | 2026 | Romantik | Afghanistan, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Norwegen

Lichter FilmfestKritiker Blog

Es gibt Städte, die man nur noch in Filmen besuchen kann. Und Leben, die man nur noch in Filmen führen darf.

Als No Good Men als der Berlinale-Eröffnungsfilm angekündigt wurde, war die Frage naheliegend: Wie kann man über Afghanistan eine Romanze drehen? Wie soll man lachen über etwas, das gleichzeitig so schwer ist? Shahrbanoo Sadat hat auf diese Fragen keine theoretische Antwort gegeben. Sie hat einfach den Film gedreht.

Und der Film lacht. Nicht zynisch, nicht verlegen sondern mit der zarten Selbstverständlichkeit von Menschen, die damals noch das Recht dazu hatten. Kabul, 2021. Frauen arbeiten im Fernsehen, streiten mit Kollegen, gehen ohne Schleier durch die Stadt. Eine Freundin schmuggelt aus Amerika ein Geschenk ein, über das man im Kinosaal laut lachen muss, und einen Moment später spürt man, wie sich das Lachen im Hals festsetzt. Denn man weiß, das war eine andere Zeit. Eine Zeit, die es nicht mehr gibt. Und die trotzdem, für 103 Minuten, wieder ganz nah ist.

Naru, gespielt von Sadat selbst, ist die einzige Kamerafrau beim größten Fernsehsender Kabuls. Alleinerziehende Mutter, frisch getrennt von einem untreuen Mann, überzeugt davon, dass es in Afghanistan keine guten Männer gibt. Diese Überzeugung trägt sie nicht als Wunde, sondern als Schutzschild, das aus gelebter Erfahrung geschmiedet wurde. Doch stark zu sein als Frau, das zeigt dieser Film mit aller Klarheit, reicht nicht. Es war nie genug. Die Strukturen sind mächtiger als jede individuelle Entschlossenheit.

Durch einen Zufall landet sie an der Seite von Qodrat, dem Starmoderator des Senders. Die beiden ziehen durch Kabul, führen Interviews, streiten, nähern sich an. In diesen Momenten, wenn die Stadt noch lebt und die zwei Menschen noch nicht wissen was kommt, liegt etwas Kostbares. Eine Romanze, die sich niemand erlaubt hätte zu erträumen. Im Hintergrund rücken die Taliban näher, aber der Film lässt sich nicht hetzen. Er hält inne. Er schaut hin. Als wollte er jeden Augenblick dieser brüchigen Freiheit festhalten, bevor er vergeht.

Gedreht wurde der Film in Deutschland. Hamburg und Berlin standen für Kabul, weil eine Produktion in Afghanistan schlicht unmöglich war. Die Regisseurin rekonstuiert eine verlorene Welt aus dem Exil heraus, mit der Sorgfalt von jemandem, der jeden Winkel auswendig kennt und weiß, dass er nie zurückkehren kann.

Der Film enthält eine Szene, über die man in der Filmgeschichte noch sprechen wird, nicht wegen ihrer Länge oder Dramatik, sondern wegen ihrer bloßen Existenz. Ein Moment zwischen zwei Menschen, der in einem anderen Land keine Notiz wert wäre. In der Geschichte des afghanischen Kinos ist er ein Meilenstein. Mehr soll hier nicht gesagt werden. Manche Dinge gehören ins Kino, nicht in eine Kritik.

Die stärksten Momente des Films sind die Interviews, die Naru mit Frauen auf der Straße führt. Frauen, die nie mit einem männlichen Journalisten gesprochen hätten. Eine ältere Frau lächelt, während sie von den Schlägen ihres Mannes erzählt. Nicht aus Einverständnis, sondern weil das Lächeln das Einzige ist, was die Gesellschaft ihr gelassen hat.

No Good Men ist kein makelloser Film. Die Tonwechsel zwischen Komödie und Schwere holpern gelegentlich. Aber diese Unebenheit ist auch seine Ehrlichkeit und irgendwie auch sein Charme. Das Leben in Kabul 2021 war kein Genre. Es war ein Zustand permanenter Widersprüche, und Sadat hält diese Widersprüche aus, anstatt sie zu glätten. Was bleibt, ist das Bewusstsein, eine Ära gesehen zu haben, die unwiderruflich beendet ist. Keine dramatische Schlusspointe kann das aufwiegen. Kein Happyend macht es ungeschehen. Und am Ende bleibt nicht die Gewalt. Es bleiben die Blumen aus dem Vorspann, Kabul im Sonnenlicht, das Lachen einer Frau auf der Straße. Um das geht es in diesem Film. Um das, was möglich war, und was es nicht mehr ist.

Was No Good Men aber letztlich unvergesslich macht, ist nicht nur das, was er zeigt, sondern wer ihn gemacht hat. Shahrbanoo Sadat ist selbst 2021 aus Kabul geflohen. Und dieser Film ist kein Dokument ihres Schmerzes, sondern eine Liebeserklärung an eine Stadt und ihre Freiheit. Dass Sadat dann auch noch selbst die Hauptrolle übernimmt — eine Figur, die so nah an ihrem eigenen Leben ist, dass Erfindung und Erinnerung kaum noch zu trennen sind —, das hat etwas zutiefst Mutiges. Sie hätte ein reines Drama drehen können, getragen von Trauer und Anklage. Stattdessen wählt sie die Romanze. Das Lachen. Als wollte sie sagen: Diese Frauen waren nicht nur Opfer. Sie hatten ein Leben. Ein volles, widersprüchliches, wunderschönes Leben.

Und genau das ist es, was einen nach dem Film nicht loslässt, nicht die Gewalt am Ende, sondern die Leichtigkeit davor. Die Szenen, in denen Kabul einfach eine Stadt ist, in der Menschen lieben und streiten und träumen, als wäre alles noch möglich.

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