28.04. ‐ 03.05.2026

Memory of Princess Mumbi

von Michelle Pazer | am Dienstag, 5. Mai 2026

Memory of Princess Mumbi

Damien Hauser | 2025 | Science-Fiction | Kenia, Saudi-Arabien, Schweiz

Lichter FilmfestKritiker Blog

Wir schreiben das Jahr 2093. Die alte Weltordnung gibt es nicht mehr, spätestens seit einem langjährigen Krieg in den 2070ern, in Folge dessen moderne Technologien fast gänzlich abgeschafft wurden. Monarchien wurden wieder eingeführt, Afrika besteht nun aus zwei großen Königreichen. Der Filmemacher und Schauspieler Kuve reist in das Königreich Umata, um dort einen Dokumentarfilm über die Nachkriegszeit zu drehen – auch gerne mit dem leichtfertigen Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Dabei trifft er auf die aufstrebende Schauspielerin Mumbi, die seine Einstellung zu KI und Kunst allgemein ziemlich auf den Kopf stellt. Nach dem Tod von Mumbi sechs Jahre später erinnert er sich an die kleinen Momente mit ihr zurück.

„Memory of Princess Mumbi“ ist bereits der vierte Spielfilm des 25-jährigen schweizerisch-kenianischen Filmemachers Damien Hauser. Die innovative Mockumentary wurde vor drei Jahren mit geringem Budget in Kenia gedreht, bei den Dreharbeiten halfen unter anderem Freund*innen und Familienmitglieder. In der Produktionsgeschichte gibt es darüber hinaus ein weiteres außergewöhnliches Merkmal: Um seine Zukunftsvision der afrikanischen Zivilisation aus den 2090er Jahren zum Leben zu erwecken, tauschte Hauser zahlreiche Hintergründe des real gefilmten Materials durch KI-generierte Matte Paintings aus. Dadurch sehen wir am Horizont immer wieder opulente Bauten, die in den Himmel ragen und zum World Building des Films beitragen. Die KI schafft sozusagen die Kulisse des Films, seine Akteure bleiben Menschen. Beim 45. Internationalen Istanbul Film Festival gewann „Memory of Princess Mumbi“ vor wenigen Tagen den Hauptpreis, und ist somit der erste Spielfilm, der offen zu seiner maßgeblichen Verwendung von Künstlicher Intelligenz steht und mit der renommiertesten Trophäe eines größeren Filmfestivals ausgezeichnet wurde.

Dies macht ihn zu einem kontroversen Film, der sich aber zugleich ideal dafür anbietet, um der aktuellen Diskussion um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Spielfilmen neue Nuancen abzugewinnen. Denn nichtsdestotrotz wird „Memory of Princess Mumbi“ nicht allein durch die KI-Nutzung definiert. Der Film lebt von seinen spielfreudigen Darsteller*innen, vorrangig Abraham Joseph als Kuve und Shandra Apondi als Mumbi, sowie der ungezwungenen, leichtfüßigen Erzählweise. Ein Großteil des Footages wurde mit viel Improvisation und ohne klassisches Drehbuch im kleinen Rahmen gefilmt. Davon hat Hauser sich in fast dokumentarisch anmutender Arbeitsweise besondere Momente herausgepickt und ein kleines modernes Märchen gesponnen.

Kuve und Mumbi verlieben sich – doch leider wurde sie schon als Kind von einem jungen Prinzen als seine spätere Braut auserkoren. An ihrem 21. Geburtstag wird er sie abholen und heiraten. Es entwickelt sich eine irrwitzige Geschichte mit vielen Wendungen in dieser Dreiecksbeziehung, die als eine liebevolle Hommage an die Filmgeschichte verstanden werden kann und zugleich mit reichlich Komik die zu erwartenden Rollenklischees umgeht.

Der Film bleibt nah an seinen Figuren und entpuppt sich letztendlich als ein unerwartet berührendes Werk. „Memory of Princess Mumbi“ erzählt von einem Mann, der sich an die besonderen kleinen Momente mit einer Frau erinnert, die ihm sehr viel bedeutet hat und zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Durch die fiktiven Figuren des Kuve und der Mumbi verarbeitet der Regisseur den Unfalltod seines jüngeren Bruders, weshalb der Film auch ihm gewidmet ist.

Es ist ein sehr persönlicher Film, der die Verwendung von KI clever mit einem Augenzwinkern adressiert und letztlich für das Imperfekte, Menschliche in der Kunst plädiert. Als Mumbi und Kuve zu Beginn ihrer Dokumentation einen Kriegsveteranen des letzten großen Kriegs der 2070er interviewen, grinst und lächelt der Mann auf den Aufnahmen nur. Das passe nicht, findet Kuve, der Mann sehe nicht deprimiert aus. Kurzerhand lässt er die Mundwinkel des Mannes mit einer KI-Software herunterziehen. Mumbi protestiert: woher wisse Kuve denn, wie jemand aussieht, der unter Depressionen leidet? Es ist eine Schlüsselszene des Films, die den zentralen Konflikt zwischen den beiden früh kenntlich macht.

Doch auch wenn es sich bei „Memory of Princess Mumbi“ zweifellos um einen Film mit überraschend viel Mehrwert handelt, so übersieht er dennoch die politische Komponente von seinem Gebrauch von Künstlicher Intelligenz. Der Film demonstriert auf eindrucksvolle Weise, wie KI den künstlerischen Prozess „demokratisieren“ kann, indem er es einem jungen Filmemacher erlaubt, eine ambitionierte und eigenwillige Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Zugleich ignoriert Hauser, dass bei der Erstellung dieser Matte Paintings per Prompts unweigerlich das Urheberrecht von unzähligen anderen Künstler*innen verletzt wird, deren Werke unbeabsichtigt als Quellen fungieren. Zudem unterstützen Filmemacher*innen wie Hauser bei der Nutzung der KI indirekt die Unternehmungen von menschenverachtenden Konzernen, wie der Fall von Greg Brockman, Mitgründer von Open AI, zeigt. Dieser spendete im vergangenen Jahr 25 Millionen an die Regierung von US-Präsident Donald Trump.

Hauser ist sehr nah an seinen drei Hauptfiguren dran, möchte aber genauso wenig über den eigenen Tellerrand blicken, wie seine Figuren die Institution der wiedererrichteten Monarchie hinterfragen. „Memory of Princess Mumbi“ ist der vielleicht interessanteste Beitrag zur Debatte um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, der in den letzten Jahren erschienen ist: Er verwendet die neuartige Technologie paradoxerweise unterstützend für eine mit sehr viel Herz und Menschlichkeit erzählte Geschichte. Es bleibt ein Märchen mit leicht fahlem Beigeschmack.

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