28.04. ‐ 03.05.2026

Urchin

von Michelle Pazer | am Samstag, 2. Mai 2026

Urchin

Harris Dickinson | 2025 | Drama | Grossbritannien, USA

Lichter FilmfestKritiker Blog

Mike hat kein Selbstbewusstsein, keine emotionalen Bezugspersonen und keinen festen Wohnort. Er ist ein „Urchin“: Die in Großbritannien geläufige Bezeichnung für „Gassenkind“ oder „Schmuddeljunge“ ist der Titel des Regiedebüts des Schauspielers Harris Dickinson.

Der Film erzählt von einem jungen obdachlosen Mann in London, der dieses Leben bereits seit Jahren führt. Wir folgen ihm zunächst einige Zeit bei seinem gewöhnlichen Tagesablauf, bis ein Mann, Simon, sich in eine körperliche Auseinandersetzung zwischen Mike und seinem Freund Nathan einmischt. Simon möchte Mike helfen und ihm ein Sandwich kaufen. Doch in einer dunklen Unterführung schlägt Mike Simon bewusstlos und stiehlt seine Armbanduhr. Da Überwachungsaufnahmen der Straftat existieren, setzt dies jedoch einen Kreislauf in Gang, den Mike bereits nicht zum ersten Mal durchläuft: Gefängnis, gestellte Unterkunft, eine Arbeitsstelle, Treffen mit der Sozialarbeiterin. Doch vielleicht könnte diesmal alles anders werden?

„Urchin“ ist vor allem in seiner ersten Hälfte ein mitreißendes Sozialdrama, das nah an seinem Protagonisten bleibt. Frank Dillane spielt Mike als einen orientierungslosen jungen Mann, der immer wieder auf den emotionalen Entwicklungsstand eines Kindes zurückfällt und dem man die Spuren der jahrelangen Vernachlässigung deutlich anmerkt. Bewusst gibt uns das von Dickinson verfasste Drehbuch nur grobe Anhaltspunkte darüber, wie Mikes Vergangenheit ausgesehen haben könnte: Adoption, früher Schulabbruch, Drogenabhängigkeit.

Es ist keine außergewöhnliche Geschichte, die der Film erzählt. Aber die Empathie, mit der er die kleinen Ärgernisse und Momente des Glücks von Mike schildert, macht ihn bemerkenswert. Wenn der Film gegen Mitte auf ein vermeintliches Happy End hinarbeitet, droht er beinahe, zum Feel-Good-Movie zu verkommen: Mike erhält eine Stelle als Koch in einem billigen Hotel und blüht zunächst in seinem neuen Umfeld auf: Der Chef akzeptiert ihn trotz seiner Vergangenheit, und mit den Kolleginnen freundet er sich auch an.

Ein gemeinsamer Karaoke-Abend wird als Moment größter Euphorie inszeniert und in seinem Zimmer hört Mike durchgehend CDs mit einer Frauenstimme, die ihm per Autosuggestion Selbstvertrauen zuspricht. Es ist herzzerreißend, weil der Film uns dadurch durchgehend vor Augen führt, wie fragil Mikes neues Glück letztlich doch ist.

Nach einem Treffen mit seiner Sozialarbeiterin und Simon, in dem Mike erneut mit seiner Vergangenheit konfrontiert ist, kippt die Stimmung merklich. Interessanterweise arbeitet der Film in zwei Szenen mit einer zentralen Leerstelle, bei der kurz vor einer entscheidenden Handlung des Protagonisten weggeschnitten wird. Dickinson, Sohn einer Friseurin und eines Sozialarbeiters, weigert sich konstant, Mike zu pathologisieren und steht ihm damit eine gewisse Würde zu.

Obwohl sich „Urchin“ in seiner zweiten Hälfte zunehmend zu einem konventionellen und unweigerlich vorhersehbaren Sozialdrama wandelt, bleibt die Darstellung von Mike und seinem Umfeld stets auf Augenhöhe. Die durch ihre Kollaboration mit Bertrand Bonello und Ira Sachs bekannte französisch-kanadische Kamerafrau Josée Deshaies arbeitet in den Straßenaufnahmen viel mit weitwinkligen Aufnahmen und Laiendarsteller*innen, die auch mal durchs Bild laufen dürfen. Dillane fängt Unterhaltungen mit ihnen ein, von denen wir nie den Inhalt erfahren.

Letztlich ist das die Welt, die Mike vertraut ist, und die für ihn auch irgendwie Autonomie und Freiheit bedeutet. In einer fulminant geschriebenen und geschnittenen Szene gegen Ende besucht Mike seinen alten Freund Nathan, der mittlerweile „domestiziert“ wurde, aber auch eine Wärme und Behaglichkeit ausstrahlt, die Mike fremd ist. Der Film findet ein markantes Bild für Mikes Befangenheit bei diesem Anblick: Nathan füttert eine Schlange mit einer Maus und als sie gerade dabei ist, die Maus zu zerdrücken und zu verschlingen, ist Mike auch schon wieder zur Tür raus. Dass die Wohnungslosigkeit Mike belastet und ihn die plötzliche Verbindlichkeit ohne emotionale Bezugspersonen auch verängstigt, diesen Widerspruch lässt der Film zu.

In weiten Teilen ist „Urchin“ ein überraschend bedachter und reifer Debütfilm, doch leider verstrickt er sich immer wieder in surrealen Momenten, die es nicht gebraucht hätte. Ein gängiges visuelles Leitmotiv findet er nicht wirklich und probiert gleich mehrere aus, die jedoch beliebig wirken und nicht zu dem Sozialrealismus passen, den er sich davor erarbeitet hat. Hier wird dann auch plötzlich erstaunlich viel Wert auf eine gewollte Ästhetik gelegt, die einen befremdlichen Eindruck hinterlässt. Dabei hat Andrea Arnold mit ihrem letzten Spielfilm „Bird“ erst kürzlich bewiesen, dass sich Elemente des magischen Realismus durchaus stimmig in ein solches Sozialdrama integrieren lassen – sofern sie gezielt gewählt und sorgfältig eingeführt werden.

Besonders zu Ende verliert der Film sich regelrecht in dieser wenig einfallsreichen Symbolik und findet erst wieder in seinen letzten Einzelbildern zu sich: Mike stürzt in die Dunkelheit hinab, doch allmählich weicht die Panik einer inneren Ruhe, und er rollt sich im Fall zu einer Kugel zusammen. Es mag ein Leben der Verwahrlosung sein, das Mike führt. Doch zugleich ist es ihm seltsam vertraut.

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