Internationales Filmprogramm zum Thema „Chaos“

Das internationale Filmprogramm zum Schwerpunktthema „Chaos“ ist komplett. Regie-Größen wie Lav Diaz, Lynne Ramsey und Sergei Loznitsa zeigen ihre neuesten Werke beim 11. LICHTER Filmfest.

Bei den Cannes-Filmfestspielen im vergangenen Jahr sahnte A Beautiful Day von Lynne Ramsay gleich doppelt ab: Die Regisseurin wurde mit dem Preis für das Beste Drehbuch und Hauptdarsteller Joaquin Phoenix als Bester Darsteller des Filmfestivals ausgezeichnet. Phoenix spielt einen Auftragskiller, der beruflich Mädchenhändlern auf die Schnauze haut. Gegen Geld rettet der grobschlächtige Hüne Frauen aus organisierten Sexringen. 

Frei nach Dostojewskis Kurzgeschichte „Die Sanfte“ hält Sergei Loznitsas Film A Gentle Creature der kaputten Seite Russlands einen Spiegel vor. Eine Frau lebt allein in der abgelegenen russischen Provinz, ihr Ehemann sitzt unschuldig im Gefängnis. Als eines ihrer Pakete zurückkommt, macht sie sich auf eine beschwerliche Reise quer durch Russland, um es persönlich vorbeizubringen. Am Gefängnis angekommen, nimmt ihre Odyssee allerdings kein Ende. Der Ukrainer Loznitsa, der die Putin-Regierung immer wieder mit stalinistischen Methoden in Verbindung bringt, hat erneut erschütternde Bilder einer zynischen Lügen-Gesellschaft gefilmt. 

Der politische Kern der Frage nach Chaos tritt besonders offen zutage, wenn sich Ordnungen in Auflösung befinden. Einzelne oder ganze Gemeinschaften sind dann den Folgen ausgeliefert. Humoristisch verhandelt in Sergio & Sergei, wenn der Zusammenbruch der Sowjetunion einem Astronauten seine Rückführung auf die Erde verwehrt, oder aber ernster in den explizit politischen Filmen Women Of The Venezuelan Chaos, Devil's Freedom und Season of the Devil, in denen die langfristigen Schäden kollektiver traumatisierender Erfahrungen in quasi-rechtsfreien Kontexten nachvollzogen werden. Lav Diaz` neuester Film Season of the Devil, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief, dauert fast 4 Stunden und ist Slow Cinema par excellence. 

Ein wohl immer aktuelles Thema behandeln die Coming-of-age-Dramen Home und Blue My Mind. Beide auf ihre Art abgründig, in der Wahl ihrer Mittel aber sehr verschieden, beschäftigen sie sich mit dem Gefühlschaos in der Pubertät und entwickeln ihre Eskalationsspiralen im Konflikt mit der "Erwachsenengeneration". 

Die Hauptprotagonisten in The Gulf und All You Can Eat Buddha könnten nicht unterschiedlicher sein, haben aber trotzdem etwas gemein. Sie sind unfähig zu reagieren, obwohl die Welt um sie herum im Chaos versinkt. Mal verrückt, mal lakonisch, mal komplett daneben, jedoch immer stark sich abhebend von der "Macher-Coolness" allgegenwärtiger Netflix- und Co.-Produktionen, ist dieses Gegenwartskino ein erstaunlich kritischer Kommentar auf eine Zeit dominiert von Selbstdarstellung und Aktionismus, wenn alles möglich und irgendwie wichtig und aber auch völlig scheißegal sein kann, keiner wirklich weiß, wo es hingeht.

Alle Filme im Wettbewerb um den „LICHTER International Feature Award“ ermöglicht durch die Künstlerhilfe Frankfurt:

All You Can Eat Buddha (Regie: Ian Lagarde)

Blue My Mind (Regie: Lisa Brühlmann)

Dhogs (Regie: Andrés Goteira)

In Praise of Nothing (Regie: Boris Mitic)

Pig (Regie: Mani Haghighi)

Sergio & Sergei (Regie: Ernesto Daranas)

The Goose (Regie: Mike Maryniuk)

The Green Fog (Regie: Guy Maddin, Evan Johnson, Galen Johnson)

Women of the Venezuelan Chaos (Regie: Margarita Cadenas)

Filme außerhalb des Wettbewerbs:

A Beautiful Day (Regie: Lynne Ramsay)

A Gentle Creature (Regie: Sergei Loznitsa)

Devil´s Freedom (Regie: Everardo González)

Home (Regie: Fien Troch)

Season of the Devil (Regie: Lav Diaz)

The Gulf (Regie: Emre Yeksan)

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