Programm 2019 der Sektion „Zukunft Deutscher Film"

Wie kann es gelingen, dass internationale Erfolge "made in Germany" wie Western oder Toni Erdmann keine Solitäre bleiben? Dass der deutsche Film wieder zum Publikum findet, sich die gesellschaftliche Vielfalt auf beiden Seiten der Kamera widerspiegelt, Filmschaffende von ihrer Arbeit leben können und das Kino als gesellschaftlich relevanter Ort erhalten bleibt? 

In dem festen Glauben daran, dass Kino das Potenzial hat, Erfahrungen zu vermitteln, Gemeinschaft zu stiften und auch politische Impulse zu setzen, rief das LICHTER Filmfest vor zwei Jahren die Sektion Zukunft Deutscher Film ins Leben. Politische Impulse setzte parallel der dazugehörige Kongress – unter anderem von Edgar Reitz ins Leben gerufen. Etwa 100 Filmschaffende kamen im April 2018 beim 11. LICHTER Filmfest in Frankfurt zusammen – RegisseurInnen, ProduzentInnen, Kino- und Festivalmacher*innen, Förder*innen, Senderverantwortliche, Schauspieler*innen und Kritiker*innen - und entwickelten die Frankfurter Positionen zur Zukunft des deutschen Films.

Das Papier wurde auf Veranstaltungen bei den Filmfestivals in München, Hof und Saarbrücken weiter diskutiert und setzten auch bei der Berlinale bei dem gemeinsam mit Pro Quote Film, dem Bundesverband Regie und Crew United ausgerichteten Panel „Filmförderung zukunftsfähig machen“ ein Zeichen. Die Flugschrift „Abschied von gestern“ die Frankfurter Positionen bidet die Basis für den weiteren Diskurs, der im Rahmen des diesjährigen LICHTER Filmfests wieder einen Platz findet.

Für das Publikum soll aber auch eine Auswahl hiesigen Filmschaffens nicht zu kurz kommen. Das muss sich nämlich in keiner Weise vor der internationalen Konkurrenz verstecken. Im Gegenteil: Die folgenden Beiträge zeigen, der Gang ins Kino lohnt umso mehr!

Oray

Hessenpremiere

Regie: Mehmet Akif Büyükatalay
(Spielfilm // D 2019 // dt. OV // Dauer: 100 Min.)

Einbrüche, Drogen und ein ungezügeltes Temperament haben den jungen Oray ins Gefängnis gebracht, wo er sich intensiv mit der muslimischen Religionslehre auseinandersetzt. Seine Hingabe zum Glauben hat großen Anteil an seiner Resozialisierung in Freiheit. Nur ein Problem wird er nicht los: Hitzkopf bleibt Hitzkopf. In einem Streit mit seiner Frau Burcu sind Oray mal wieder sämtliche Sicherungen durchgebrannt und er spricht die islamische Scheidungsformel „Talāq“ aus. Ein Bruch, der allein im Ermessen des Mannes liegt und im Islam unterschiedlich ausgelegt wird. Der Imam seiner Heimatgemeinde setzt eine Trennung von drei Monaten fest, um sein unüberlegtes Handeln zu hinterfragen.

Sein Glaubenskonflikt treibt Oray in die Verzweiflung: Lässt er sein zukünftiges Leben vom Koran bestimmen oder folgt er der Liebe seines Lebens? 

Der Regisseur Mehmet Akif Büyükatalay ist 1987 im nordhessischen Bad Hersfeld geboren und in Hagen aufgewachsen. Im Rahmen seines Studiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln realisierte er seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, der auf der Berlinale 2019 Weltpremiere feierte. Dort gewann Oray den sektionsübergreifenden GWFF Preis für den besten Erstlingsfilm.

Der Regisseur über den Film: Oray untersucht das sehr starke Zugehörigkeitsbedürfnis junger, männlicher Migranten und die damit verbundenen Probleme, die in einem in sich geschlossenen, nach außen hin hermetisch sich abriegelnden Mikrokosmos entstehen. Eine Gemeinschaft, die Identitäten schafft (die wohl nicht von der Mehrheitsgesellschaft erfüllt werden können oder wollen) und Sicherheit gibt, aber auch den Preis der Selbstaufgabe verlangt, wenn Abweichungen gegen die ‘eigenen Gesetze’ vorliegen.“

Donnerstag, 28. März 2019 // 19 Uhr // Pupille

Weitere Details



Das melancholische Mädchen

Hessenpremiere

Regie: Susanne Heinrich
(Komödie // D 2019 // dt. OV // Dauer: 80 Min.)

Mit ausdrucksloser Miene bewegt sich eine junge Frau durch eine artifizielle, pastellfarbene Studiokulisse. Dabei ist sie vor allem eins: gelangweilt. Vor allem von den Männern, von denen sie einen Schlafplatz will, mit denen sie ab und zu aber auch sehr langweiligen, weil zu professionellen Sex hat. In einer Bar wartet sie auf das Ende des Kapitalismus und ihre Depression identifiziert sie als strukturelles Problem, während ihr Therapeut Kreise aufs Papier malt. Witze macht sie nie, Humor hat sie trotzdem.

In 14 perfekt geplanten Episoden, in denen jedes einzelne Wort sitzt, wird keine Handlung und kein Charakter auserzählt, sondern die Absurdität einer Welt voller sich selbst optimierender, oder auch: sich selbst verwirklichender Individuen ausgestellt –  und am Ende des Films wartet keine erlösende, reinigende Katharsis.

Das melancholische Mädchen ist formal eigenwillig, hochpolitisch und sehr lustig. Die Regisseurin Susanne Heinrich hat in ihrem ersten Film nach einer neuen, anderen Filmsprache gesucht und sie gefunden. Herausgekommen ist dabei Verfremdung à la Brecht durch eine postmoderne, knallbunte Brille. Dafür wurde sie in diesem Jahr gleich mit dem Preis für den besten Film und dem Preis der ökumenischen Jury beim 40. Filmfestival Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet.

Freitag, 29. März 2019 // 18 Uhr // Naxos.Kino

Weitere Details 


Kahlschlag

Hessenpremiere

Regie: Max Gleschinski
(Spielfilm // D 2018 // dt. OV // Dauer: 97 Min.)

„Weißt du warum ich den Wald so liebe? Hier ist alles ausgeglichen. Aber bei den Menschen, also bei dir und mir, da ist irgendwie alles scheiße, oder?” Seit ihrer Kindheit sind die beiden Freunde Eric und Martin in die gleiche Frau verliebt. Heute – 20 Jahre später – lebt Martin mit Frenni in einem beschaulichen Einfamilienhaus. Nachdem Frenni sich für Martin entschieden hat, steht Eric Jahre später wieder vor der Tür, um sich mit Martin auszusprechen. 

Kahlschlag behandelt den altbekannten Stoff von Liebe, Eifersucht und Gewalt mit neuen Bildern und neuer Intensität. Das Aufeinandertreffen der beiden Männer im Wald lässt die geordnete und zivilisierte Fassade schnell aufbrechen. Untermalt von eindringlicher Musik und erzählt über mehrere Zeitebenen hinweg, schafft Max Gleschinski ein komplexes Gefüge menschlicher Beziehungen und Emotionen, dem man sich nicht entziehen kann.

Ausgezeichnet mit dem „Förderpreis Neues Deutsches Kino“ bei den Hofer Filmtagen 2018

Freitag, 29. März 2019 // 18 Uhr // Mal Sehn' Kino

Weitere Details


Weitermachen Sanssouci

In Anwesenheit des Regisseurs Max Linz

Regie: Max Linz
(Spielfilm // D 2019 // dt. OV // Dauer: 80 Min.)

Die Klimawissenschaftlerin Phoebe Phaidon ist neu am Institut für Kybernetik der Berliner Universität. Doch ihr Arbeitsplatz ist schnell wieder in Gefahr: Die turbokapitalistische Hochschulleitung will die  Einrichtung schließen. Nur die erfolgreiche Evaluierung eines Drittmittel-Projekts zur virtuellen Simulation des Klimawandels kann die drohenden Sparmaßnahmen abwenden. Schon bald ist Phoebe zwischen etabliertem Lehrkörper und rebellierenden Studierenden hin- und hergerissen.

Lohnt sich ein eine akademische Karriere heutzutage noch? Der aus Frankfurt stammende Regisseur Max Linz hat zu dieser Frage den ultimativen Entscheidungsfindungsfilm gedreht. Subversiv, absurd komisch und beinahe in einem Musical endend, entlarvt die Satire auf den Uni-Apparat die neoliberale Forschungsmaschinerie.

Nach der Kunstbetriebs-Parodie Ich will mich nicht künstlich aufregen feierte Max Linz` neuer Film Weltpremiere im Forum der Berlinale 2019.

Freitag, 29. März 2019 // 20 Uhr // Naxos.Kino

Weitere Details


Wintermärchen

Vorfilm: Stiller Löwe

In Kooperation mit epd film und dem Deutschen Filminstitut & Filmmuseum. // Filmgespräch im Anschluss

Regie: Jan Bonny
(Spielfilm // D 2018 // dt. OV // Dauer: 125 Min.)

„Es muss mal wieder richtig knallen!“ Beckys und Tommis Beziehung wird dominiert von selbstzerfressender Langeweile. In der schmuddeligen gemeinsamen Wohnung schmieden sie große Pläne: Zusammen wollen sie als Terrorzelle Ausländer ermorden und landesweite Aufmerksamkeit erzeugen. Plötzlich steht Maik in der Küche und aus dem passiven Duo wird ein explosiver Dreier. In ihrer zunehmenden Orientierungslosigkeit versumpfen die bis dato gepredigten angeblichen Werte wie Ehre, Stolz und Loyalität. 

Jan Bonnys Drama Wintermärchen ist explizit politisch. Die harten und drastischen Kameraaufnahmen von rechter Gewalt und dysfunktionaler Sexualität führen bedrohlich nah an gesellschaftliche Abgründe.

Einmal pro Monat widmet sich die Filmreihe „Was tut sich–im deutschen Film?“ im Kino des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums dem aktuellen deutschen Kinogeschehen. Im März zeigt Jan Bonny im Rahmen des Lichter Filmfests sein radikales wie kontroverses NSU-Drama Wintermärchen, das bereits beim Festival in Locarno für Furore sorgte und beim Film Festival Cologne als Bester Spielfilm ausgezeichnet wurde. Jan wurde mit seinem Kinodebüt Gegenüber (2007) direkt in die Quinzaine des Réalisateurs beim Filmfestival in Cannes eingeladen. Nach einigen Fernseharbeiten ist Wintermärchen nun sein zweiter Kinospielfilm.

Freitag, 29. März 2019 // 20:15 // Kino im Deutschen Filmmuseum

Weitere Details



Dreissig

Hessenpremiere // In Anwesenheit der Regisseurin Simona Kostova

Regie: Simona Kostova
(Spielfilm // D 2019 // dt. OV // Dauer: 124 Min.)

„In letzter Zeit passiert es mir voll oft, dass ich aufwache und nicht weiß, warum ich lebe.“ Die Quaterlife-Crisis hat sie erfasst: Sechs Freunde treiben durch Berlin und scheinen trotz unzähliger Möglichkeiten doch nirgends anzukommen. Stattdessen: Leere. Övunç plagt eine Schreibblockade. Raha wartet auf den Durchbruch ihrer Schauspielkarriere. Ihr beruflich erfolgreicher Ex-Boyfriend Pascal sehnt sich nach einem anderen Leben. Zwischenmenschliche Konflikte und politischer Diskurs werden gescheut. Lieber auf zur nächsten Bar, hinein in den nächsten Club, in dem sich alles um einen selbst dreht. 

In Dreissig porträtiert Simona Kostova eine Clique Anfang 30, die – ganz Klischee ihrer Generation zwischen hedonistischen Partynächten und ihrer Angst vor der Einsamkeit – vor der existentiellen Frage stehen: Wie soll, ja wie kann man sein Leben führen?

Simona Kostovas Spielfilmdebüt wurde von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) produziert und feierte seine Premiere bei dem International Film Festival Rotterdam.

Samstag, 30. März 2019 // 22 Uhr // Naxos.Kino

Weitere Details


pfeil_simpelpfeil_simpel_obentoggle_2ein_ausfahrenfacebookflickrinstagramkalenderlupelupe_plusmarkernewsletterpfeil_linkspfeiltoggle_1playshareticket_plusticketstwitterElement 1