16.04. ‐ 21.04.2024

DAS LICHTER JAHRESTHEMA 2024: ZUKUNFT

GESCHICHTE, GEGENWART UND ZUKUNFT DER ZUKUNFT

Ein Text von Kenneth Hujer

„DAS MORGEN IST SCHON IM HEUTE VORHANDEN, ABER ES MASKIERT SICH NOCH ALS HARMLOS, ES TARNT UND ENTLARVT SICH HINTER DEM GEWOHNTEN. DIE ZUKUNFT IST KEINE SAUBER VON DER JEWEILIGEN GEGENWART ABGELÖSTE UTOPIE: DIE ZUKUNFT HAT SCHON BEGONNEN. ABER NOCH KANN SIE, WENN RECHTZEITIG ERKANNT, VERÄNDERT WERDEN.“ - Robert Jungk, Publizist und Zukunftsforscher

Die Zukunft hat gegenwärtig nicht den besten Stand. Krisen und Katastrophen werden mit ihr assoziiert – im Kontext von Klima, Krieg und Hyper-Kapitalismus. Selbst KI als sogenannte Zukunftstechnologie scheint für viele kein lustvoll-spannendes Versprechen zu sein, sondern ein beängstigendes Szenario, bei dem die eigene Überflüssigkeit droht. 

Das war nicht immer so. Um die Zukunft stand es schon einmal besser. Zwar fürchtet die Kulturpessimistin die Zukunft seit ehedem, weil sie im Fortgang der Geschichte einzig die Auflösung erhaltenswerter Werte und Sinnzusammenhänge erkennt. Für den sogenannten Fortschrittlichen aber war Zukunft mit Erlösung verbunden, weniger messianisch-religiös denn politisch im Sinne sozialer Befreiung. Die Zeiten, in denen man sich politisch in konservativ und progressiv einteilte, scheinen jedoch vorbei. Heute fürchten die Zukunft in den westlichen Gesellschaften so gut wie alle. Der Begriff der Stunde heißt „Zukunftsangst“.

Während 2013 bei den 18- bis 34-Jährigen laut einer repräsentativen Umfrage für die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen noch 70 Prozent ein Leben in der Zukunft bevorzugten, wünscht sich bei der gleichen Umfrage aus dem Jahr 2023 die Mehrheit der Befragten ein Leben in der Vergangenheit. 

Die Zukunft hat also eine Geschichte. Frei nach Augustinus: Es gibt eine vergangene Zukunft, eine gegenwärtige Zukunft und eine zukünftige Zukunft. Im Kleinen lässt sich die jüngste Geschichte der Zukunft an einem einzigen Frankfurter Ort nachvollziehen: dem Areal der im 2. Weltkrieg größtenteils zerstörten Altstadt zwischen Dom und Römer. Dort wurde, nachdem man die Fläche als Parkplatz zwischennutzte, 1974 das Technische Rathaus fertiggestellt: Ein brutalistischer Betonbau, der radikal in die Zukunft wies und wie ein gelandetes Raumschiff im Kontrast zu seiner Umgebung stand. Geschichte störte, nicht die Zukunft des Gebäudes: Um das Technische Rathaus bauen zu können, mussten mehrere Gebäude abgerissen werden, darunter ein Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert und der intakte barocke Hinterhaustrakt des Wohnhauses von Goethes Tante Melber. 2010, keine vierzig Jahre später, wurde das Technische Rathaus wieder abgerissen, um an seiner Stelle schließlich Teile der zerstörten Altstadt rekonstruieren zu können, darunter das Wohnhaus von Goethes Tante Melber. 

Während man 1970 also entwarf, was es noch nicht gab, um das Leben neu und anders zu gestalten, scheint unsere Gegenwart die Zukunft teilweise mit Mitteln der Vergangenheit gestalten zu wollen. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Können wir uns in der Vergangenheit vor der Zukunft retten? Waren ältere Zukunftsentwürfe besser als jüngere? Wird zukünftig einmal die sogenannte „neue Altstadt“ abgerissen und das vor ihr gebaute Technische Rathaus wieder rekonstruiert?

Mit der Mode zeigt sich die Zukunft in der Gegenwart. Eben das macht das Phänomen der Mode aus: Teilhaben an etwas, das erst noch sein wird. Doch sobald sich die Prophezeiung erfüllt, weil die Mode allgegenwärtig ist – die Masse an ihr teilhat – ist sie auch schon wieder verschwunden, ist die Mode nicht mehr modisch. Exemplarisch zeigt sich die Mode an der Kleidung. Ihre Trends scheinen heute allerdings vor allem ein Zitieren vergangener Kleidermoden zu sein. Etwa weil alle nur möglichen zukünftigen Stile bereits kreiert sind? Oder zeigt sich auch in der Kleidermode das Suchen nach der Zukunft in der Vergangenheit? 

Unsere Beziehung zur Zukunft ist geprägt durch unser Verständnis von Zeit. Es dominiert das lineare Bewusstsein: Zeit wird als Strom erlebt, der aus der Vergangenheit in Richtung Zukunft fließt. Die Gegenwart ist dabei ein Punkt auf einer Linie. Sobald sie ist, ist sie nicht mehr. Für den Philosophen Vilém Flusser eine „existentielle Unmöglichkeit, denn wo immer wir sind, dort ist die Gegenwart“. Flusser argumentiert, dass es im Gegenteil die Zukunft ist, „die bei uns in unserer Gegenwart ankommt.“ Eben das meint das Wort „Zukunft“: etwas kommt auf uns zu. Anstatt die Gegenwart zu verlieren, sollten wir sie als Wirklichkeit verstehen, als Ort, an dem die Zukunft ankommt, um verwirklicht zu werden.

„NO FUTURE!“ - Sex Pistols

Wir erfahren die Welt nicht, weil wir hineinfahren, sondern weil sie uns angeht. „Wir sind immer hier und jetzt, und in dieses Hier und Jetzt dringt von allen Seiten die Zukunft.“ Eine Selbstverständlichkeit, für die uns, so Flusser, die Fortschrittsideologie blind gemacht habe. 

Was folgt aus Flussers phänomenologischem Denken der Zukunft? „Einige wenige unter uns sind bereit, sich der Zukunft zu öffnen und zu Erfahrungen zu entschließen. Die Mobilität bei diesem Entschluss ist die Bereitschaft, zu keiner ankommenden Erfahrung einen vorgegebenen Standpunkt einzunehmen, sondern alle möglichen Standpunkte auszuprobieren.“ In diesem Sinne ist auch jeder Film Zukunft. Noch mehr: Die Filmkunst kann eine „Mücke sein, welche die Leute sticht, um sie für Erfahrungen zu öffnen und um ihre Körper und Gedanken für vorurteilsloses Standpunktwechseln zu motivieren.“

Das 17. LICHTER Filmfest möchte mit seinen 20 internationalen Langfilmen das Jahresthema „Zukunft“ in alle Richtungen bespielen und vielfältig ausgestalten. Nicht zuletzt soll auch nach der eigenen Zukunft gefragt werden, nach der Zukunft des Festivals. In diesem Sinne wird das 17. LICHTER Filmfest eine große Zukunftswerkstatt sein.