Im April 2018 kamen beim LICHTER Filmfest in Frankfurt etwa 100 Filmschaffende zusammen, Regisseur*innen, Produzent*innen, Kino- und Festivalmacher*innen, Förder*innen, Senderverantwortliche, Schauspieler*innen und Kritiker*innen. Angetrieben vom Glauben an das Kino, erarbeiteten sie ein Konzept, wie grundlegende Neuerungen in Förderung und Finanzierung, Ausbildung und Filmbildung, Vertrieb und Kinokultur zu einer Belebung des deutschen Films beitragen könnten: die „Frankfurter Positionen zur Zukunft des deutschen Films“

Edgar Reitz’ „4 Thesen zur Erneuerung der Filmkultur“ gab den Impuls für den Kongress in Frankfurt. Der vorliegende Text ist eine Kurzfassung des Impulspapiers, das Edgar Reitz beim Kongress „Zukunft Deutscher Film“ im April 2018 in Frankfurt vorstellte.

© Dirk Hoy


© Dirk Hoy

4 Thesen zur Erneuerung der Filmkultur

Edgar Reitz

Ich möchte an dieser Stelle eine große Sorge um die Filmkultur zum Ausdruck bringen. Ich sage das, nachdem ich in diesem Lande über 50 Jahre lang als Autor, Regisseur und Produzent Filme gemacht habe und aus nächster Nähe miterlebt habe, wie sich die Verhältnisse gebildet haben, die heute einer freien Entfaltung der Filmkultur im Wege stehen. … Ich bin in diesen Jahren mit meinen Filmen in der Welt weit herumgekommen und kenne deswegen auch die oft völlig anderen Produktionsbedingungen in anderen Ländern – und vor allem kenne ich den seltsamen Eindruck, den ein deutscher Film von heute auf die Betrachter in anderen Ländern macht.

Ich habe vier Thesen formuliert, von denen ich weiß, dass sie jeden Filmemacher im Lande betreffen.


1) Der deutsche Gremienfilm hat ausgedient.  

Der deutsche Film ist anders als die Filme der übrigen Welt. … Meine These ist: Der deutsche Film ist durch seine nur in diesem Lande übliche Herstellungsweise bestimmt und bildet sie ab. Alle für das Kino bestimmten Produktionen durchlaufen eine Reihe von dramaturgischen Eingriffen in den Fernsehanstalten, alle werden von Förderungs-Gremien geprüft, alle müssen sich bürokratischen und/oder gut gemeinten "Abnahmen" und Eignungsprüfungen unterziehen, alle werden in vorauseilender Anpassung an das Förderungswesen geplant, geschrieben, diskutiert und schließlich von einer dem System verwandten Kritik aussortiert.

Das System zu bedienen heißt zwangsläufig, dass einem das Publikum herzlich gleichgültig wird, denn es entscheidet in keiner Weise, was produziert werden kann oder was förderwürdig wäre. … Das Ergebnis ist ein Zwitterwesen, das weder als Wirtschaftsgut noch als Kulturgut überzeugen kann.

Eines der Maximen für ein neues Förderungssystem sollte die Stärkung der kreativen Kräfte in den Filmteams sein, der Autoren, der Regisseure, der künstlerischen Mitarbeiter, und ihrer Produzenten, von denen die Projekte faktisch getragen werden. Ein neues Fördersystem beruht so gut wie möglich auf Selbstverwaltung, auf der eindeutigen kulturellen Ausrichtung und auf dem Bewusstsein, dass die Filmkunst auch in Zukunft eines der wirkungsmächtigen und allen Themen der modernen Welt zugängliches Medium ist.

2) Das Fernsehen muss sich vom Kinofilm komplett zurückziehen.

Die Rolle der finanzmächtigen Fernsehanstalten bei der Herstellung deutscher Spielfilme ist unerträglich geworden. Oft sind sie nur noch daran interessiert, möglichst hohe Subventionen, die ursprünglich für den Kinofilm bestimmt waren, in Form von offenen oder verdeckten Fernseh-Subventionen zu kassieren. … Da man dieses unschöne Abkassieren der Fördersysteme durch die Fernsehanstalten nicht offenlegen will, muss jedes dieser Projekte durch hochtrabende inhaltliche Relevanz und thematische Correctness gerechtfertigt werden.

Die Redaktionen sind faktisch die alleinigen Entscheider, welcher Film im Land produziert wird und welcher nicht. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die selber von Gebühreneinnahmen, also von einer Spezialsteuer leben, sind die mächtigsten Produzenten des deutschen Kinos. Sie haben die gesamte Selektion in Händen ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. … Noch in den 1990er Jahren herrschte in den Fernsehanstalten [zumindest] eine gewisse Cinéphilie, verbunden mit dem Bedürfnis, an den innovativen und künstlerischen Potentialen der Filmemacher-Generationen teilzunehmen und so eine gemeinsame kulturelle Aufgabe an der Spitze der Kinoproduktion mitzugestalten. Diese Zeiten sind vorbei. … Eine Lösung kann daher nur darin bestehen, eine strikte Trennung von Kinofilm und Fernsehen durchzusetzen.

3) Wir brauchen das Kino als Ort der Filmkultur

Das Kino ist gekennzeichnet durch die physische Anwesenheit der Besucher bei der Vorführung von Filmen im öffentlichen Raum. In diesem Punkt unterscheidet sich das Kino von jeder bisher bekannten Form der Vermittlung und Verbreitung von Filmen und audiovisuellen Programmen,

Das Kino als Ort des kollektiven Filmerlebnisses ist für eine Weiterentwicklung der Filmkunst in Zukunft unverzichtbar, denn von hier aus können sich erst Maßstäbe für die Wirkungsweise des Mediums Film entwickeln und verbreiten.

Das Kino muss sich neu erfinden. Es muss sich völlig vom Vorbild der Sprechtheater und Opernhäuser ablösen, muss sich im sozialen Leben der Städte neu verorten und lernen, sich der modernen Technologien zu bedienen. Es muss sich von den festen Anfangszeiten und Programmangeboten der Verleihfirmen loslösen und auch architektonisch neue Lösungen entwickeln.

Schließlich müssen auch die Filmemacher lernen, dass die Geburtsstunde ihrer Werke erst die Aufführung ihrer Filme im Kino ist. Sie müssen es wieder lernen, diesen Augenblick zu lieben, in dem ihr Werk von vielen Augenpaaren gleichzeitig am gleichen Ort gesehen wird. Das Kino lebt von dieser Leidenschaft und den Leidenschaften seiner Betreiber und seiner Besucher.

4) Wir fordern Filmbildung in allen Schulen.

Die Filmgeschichte hat in allen Teilen der Welt so unvergessliche und in die Tiefe der menschlichen Seele leuchtende Werke hervorgebracht, dass alle übrigen Künste davon beeinflusst wurden. Die Kenntnis dieser Kulturgeschichte gehört zwingend zum Bildungsstandard einer zivilisierten Gesellschaft.

In Anbetracht dessen, dass die Mehrzahl der Zeitgenossen in Literatur, Lesekultur und Sprache unterrichtet wurden, nach Beendigung der Schulzeit aber nicht mehr lesen, sondern Tausende von Filmen konsumieren, ist es nicht verantwortbar, die Menschen als audiovisuelle Analphabeten zu entlassen, die über keinerlei Kriterien zur Unterscheidung von Qualität verfügen.